Interview mit Oskar Schubart

Interview mit Oskar Schubart

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Oskar Schubart © rolf diba

ROTHENBURG –   Er wuchs In der Galgengasse auf, musste als Soldat nach Russland  und er brachte es nach 1945 zum Direktor der Volksbank: Oskar Schubart ist seinen persönlichen Berufsweg erfolgreich gegangen und hat sich schon anfangs der sechziger Jahre kommunalpolitisch engagiert. Von 1976 bis 1988 war er ein von allen geachteter Oberbürgermeister der Stadt. 1979 hatte er uns ein Interview gegeben, das ihn bundesweit wegen seiner liberalen Haltung bekannt machte. Zu seinem Achtzigsten stellten wir ihm nochmals aktuelle Fragen.

FA diba: Herr Schubart als Sie 1979 unserer Zeitung in einem großen Interview politische Fragen beantworteten, deren Antworten damals bundesweit von sich reden machten, war Europa und die Welt noch zweigeteilt. Hätten Sie sich erträumt noch ein vereinigtes Deutschland und die Auflösung des sowjetischen Reiches zu erleben?

Schubart: Das hab ich mir nicht erträumt, zwar immer erhofft. Dass wir nach beiden Seiten offen sein müssen war meine Überlegung, aber so sehr ich die Westintegration Adenauers und deGaulles befürwortet habe, so sehr war immer darauf erpicht, dass wir uns nach Osten öffnen. Ich habe die kommunistische Ideologie immer abgelehnt, war aber nie dieser sture Antikommunist, der mit Kommunisten nicht geredet hätte. Als wir die Städtepartnerschaft mit Athis Mons hatten und es zeitweise eine kommunistische Führung gab, hieß es bei einigen in Rothenburg „Mit denen sprechen wir nicht“. Aber das waren gewählte Partner und es hat sich als vernünftig erwiesen mit denen zu reden.

FA: Sie sahen die Ostpolitik der Bundesregierung unter Willy Brandt im Grunde positiv…

Schubart: Sehr im Gegensatz zu meiner Partei habe ich die Initiative von Brandt „Wandlung durch Annäherung“ als richtig angesehen.

Städtepartnerschaft

FA: …und Sie haben nicht nur theoretisiert, sondern gehandelt, die Städtepartnerschaft mit dem russischen Susdal initiiert und sich persönlich für die Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion eingesetzt.

Schubart: Ich habe mich immer dafür stark gemacht. Als ich das letztemal in Susdal war kam ein Mann aus Wladimir auf mich zu, der mich als ehemaligen Oberbürgermeister erkannte. Er sei 1986 am Totengedenktag mit dem Markin-Chor in Rothenburg gewesen und damals habe ihn mein Aufruf auch der Toten der Sowjetunion zu gedenken, sehr beeindruckt.

FA: Wie beurteilen Sie denn heute die Weltlage mit der neuen Rolle der Amerikaner?

Schubart: Von den USA bin ich furchtbar enttäuscht. Dabei hatte ich immer große Sympathien für die Amerikaner, war auch in US-Gefangenschaft und bin gut behandelt worden. Auch wenn ich die Amerikaner als Demokraten kennengelernt habe, wobei immer ein kleiner Stachel darin war, nämlich ihr Rassismus! Antiamerikanismus wäre ein Fehler, aber hier geht es darum, dass es die Bush-Administration nach meinem Empfinden selbst ist, die antiamerikanische Politik macht. Es geht doch um handfeste Geschäfte. Und wenn in Bagdad die Museen geplündert wurden, dann sieht man doch was dahintersteckt. Mit dem Thema Massenvernichtungsmittel hat man einen Popanz aufgebaut, um ganz radikale Machtinteressen zu verfolgen, komme was da wolle! Es tut mir so leid, daß die Amerikaner so eine Besatzungspolitik betreiben und sich derart herunterbegeben. Da sind einige sehr primitive Leute am Werke. Nach der Vietnam-Erfahrung werden die Amerikaner jetzt auch im Irak nicht zur Ruhe kommen.

1994: Schubart besiegelt Partnerschaft mit Susdal © rolf diba
Schubart besiegelt 1988 Städte-Partnerschaft mit Susdal © rolf diba

Solidarität Europas

FA: Lag dann die Rolle des alten Europas auf Ihrer Interessenslinie?

Schubart: Ich habe mich gefreut über den Schulterschluss Moskau-Paris-Berlin. Das ist die Solidarität des gescholtenen alten Europas. Und dann gab es den vorauseilenden Gehorsam von verschiedenen Ländern, die sich gegen die eigene Volksmeinung liebedienerisch den USA angeschlossen haben!

FA: Sollte Deutschland jetzt eine größere politische und militärische Rolle in der Welt spielen?

Schubart: Höchstens im Rahmen der NATO. Wir haben kein Hegemoniestreben und sollten uns davor hüten. Führungs- und Weltmachtträume sollten wir uns abschminken, aber den von der Weltgemeinschaft erwarteten Beitrag leisten. Dabei macht Außenminister Fischer sein Geschäft gar nicht schlecht.

FA: Bundespolitisch bietet sich ja derzeit ein etwas verqueres Bild zu diversen Grundsatzfragen…

Schubart: Ja, auch die Union redet nicht mit einer Stimme. Ich bin kein Anhänger einer Großen Koalition, aber wäre es nicht zur Lösung grundsätzlicher Fragen wie der Zukunft unseres Sozialstaates vernünftig?

FA: Zurück zum Lokalen. Wie sieht ein ehemaliger Oberbürgermeister heute aus der Distanz die örtliche Kommunalpolitik?

Schubart: Zum einen sehe ich den großen Generationenwechsel. Als ich begonnen habe, war das noch die Vorkriegsgeneration. Man hat damals vieles noch seriöser genommen. Auch zu Ledertheils Zeit war das ganze lokalpolitische Geschehen noch mehr von einer Autorität positiv durchdrungen, es herrschte mehr Ernsthaftigkeit, wo man heute lockerer ist in jeder Hinsicht. Ich will das nicht negativ sehen, aber es herrscht heute einfach ein ganz anderer Ton im Rathaus als damals.

FA: Wir hatten und haben ja auch ganz unterschiedliche Oberbürgermeis­ter-Charaktere?

Schubart: Ja, Hachtel zum Beispiel gewinnt die Menschen mehr durch seine Freundlichkeit und Fähigkeit auf die Leute zuzugehen. Das haben weder Ledertheil noch ich so gekonnt. Wenn ich zurückdenke, dann muss ich sagen Ledertheil hat sein Handwerk verstanden, er ist an seiner Unfähigkeit sich menschlich zu geben gescheitert. Kommunalpolitisch kreide ich ihm nur drei Dinge an: die Negativeinstellung zur Eingemeindung, die Ablehnung der Polizeiverstaatlichung und sein Widerstand gegen die Städtebauförderung. Aber er hat Industriegelände erschlossen, die Kläranlage war seine Pioniertat, er hat das Erdgas hierher gebracht – alles Dinge von großer Bedeutung für die Stadt.

FA: Fehlt es an überzeugenden Persönlichkeiten in Rothenburg?

Schubart: Das ist ein Manko nicht nur in Rothenburg, sondern auch in der großen Politik. Es fehlt an Leuten von Format, die überparteilich anerkannt sind. Und die Bereitschaft zum Engagement fehlt, immer mehr ziehen sich in eine Nische zurück.

FA: Im Stadtrat gab es schon lange keinen harten Streit um die Sache mehr, einiges läuft jedoch eher nicht öffentlich ab.

Schubart: Möglicherweise ist das Harmoniebestreben zu groß. Wir wollen keine Streithansel, aber in jeder Situation gibt es ein Für und Wider, was hatten wir früher für engagierte, leidenschaftliche Diskussionen. Vor zehn oder halbelf Uhr sind wir nicht heimgekommen. Wenn die Tagesordnung vorlag zur nichtöffentlichen, hat meistens gleich einer angerufen und wollte manches in den öffentlichen Teil haben, was dann auch gemacht wurde. Es wird auch vieles nicht mehr so umfassend vorgetragen wie früher.

Kommunalpolitische Leistung

FA: Was sehen Sie subjektiv als ihre wesentliche kommunalpolitische Leis­tung?

Schubart: Angetreten bin ich wesentlich mit vier Punkten, nämlich Krankenhaus, Städtebauförderung, Museumsrenovierung und Industrieansiedlung. Das ist auch gut gelungen, bei der Städtebauförderung sind wir in letzter Minute aufgesprungen. Beim Museum bin ich dankbar, dass Hachtel das weitergemacht hat.

FA: Haben wir denn nach Ihrer Ansicht genügend fähige Rothenburger für die nächste OB-Wahl 2006 oder würden sie lieber einen Auswärtigen suchen wollen?

Schubart: Schon 1988 war es vergebliche Liebesmühe jemand Auswärtigen zu suchen. Versuchen sollte man es schon, aber vor zwanzig Jahren war die Position des Oberbürgermeisters von Rothenburg noch etwas Erstrebenswertes auf einem gewissen Niveau. Leder­theil hat mal gesagt, in Bayern kann jeder OB werden, der des Lesens und Schreibens kundig ist…

FA: In unserem Interview 1979 äußerten sie sich sehr besorgt über den aufkeimenden Rechtsradikalismus, sehen Sie heute eine geringere Gefahr beziehungsweise andere Bedrohungen?

Schubart: Leider ist vieles militanter geworden, nicht zuletzt durch junge Leute, die perspektivlos sind, weshalb man auch mehr Rechtsradikalismus im Osten hat. Man ist dabei gewaltbereiter. Stärker wurde ferner die internationale Vernetzung solcher Gruppen. Auch der Antisemitismus ist nicht auszulöschen.

FA: Wenn Sie an ihrem Achtzigsten an ihre Jugendzeit vor dem Krieg in der Galgengasse zurückdenken, kommt dann Wehmut auf, träumt man von der guten, alten Zeit?

Schubart: Das Leben in meiner Kinderzeit war noch wie im 19. Jahrhundert, überschaubar, jeder kannte jeden und man lebte mehr zusammen. Heute ist alles viel weltläufiger, wozu der Tourismus viel beigetragen hat. Generell könnte man schon sagen, daß wir mit Abstrichen fast noch die heile Welt in Rothenburg haben. Unsere Probleme damals waren anderer Art. Ich denke viel an die Persönlichkeiten, die einen im Leben begleitet haben, vor allem an meinen beruflichen Förderer Bankdirektor Altreuther.

FA: Was würden Sie der jungen Generation an Werten mitgeben wollen?

Schubart: Den Respekt vor andern Menschen, eine sittlich-religiöse Bindung und Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Allgemeinheit in einer freiheitlichen Gesellschaft, für deren Erhaltung man sich einsetzen muss. Schon in der Antike klagte man über die junge Generation, aber das Leben geht immer weiter.

FA: Angenommen, Sie müssten morgen nochmals als OB Entscheidungen treffen, wo würden Sie die vordringlichen Aufgaben für Rothenburg sehen?

Schubart: Die Ansätze der Stadtentwicklung ernsthaft weiterführen und dabei den Mut zu unpopulären Maßnahmen haben. Doch wie will ich steuern, dass mehr Geschäfte in die Stadt kommen? Die Urbanität erhalten ist wichtig und dabei verhindern, dass die Stadt mehr und mehr ins Grüne hinauswächst und die Altstadt sich entleert.

ZUR PERSON

Oskar Schubart, der diesen Sonntag achtzig Jahre alt wird, entstammt einer Rothenburger Familie (ein Korbwarengeschäft in der Galgengasse), geprägt durch seine Jugend in der Vorkriegszeit und dann von den Kriegserfahrungen in Rußland. Von 1959 bis 1976 Volksbankdirektor, 1966 in den Stadtrat gewählt, ursprünglich bei der FRV aktiv, dann in der CSU. Als 2. Bürgermeister ab 1972 hat er noch bei der Gebietsreform mitgewirkt, von 1976 bis 1988 Ledertheils Nachfolger als Oberbürgermeister der Stadt. Er sorgte nach der Amtsübernahme als OB, unterstützt von Kämmerer Wilhelm Staudacher, für die Aufnahme ins Städtebauförderungsprogramm, was der Stadt Millionen einbrachte. Als ein liberaler Geist erregte er Widerspruch aus seiner Partei und machte nach dem FA-Interview vom 14. April 1979 (u.a. zum Rechtsradikalismus) bundesweit von sich Reden, weil er Brandts Ostpolitik verteidigte und sich gegen die Diskriminierung von Kommunisten und Sozialisten aussprach. Als OB und privat setzte er sich engagiert für die Versöhnung mit Frankreich und Russland ein.

Rolf Diba für FA 8./9.11.2003

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