Einladung

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Bernhard Doerdelmann

Ich bin im Sternbild der Katze geboren.
Der Weg dorthin ist weit.
Der bestirnte Himmel in mir
und das moralische Gesetz über mir
hindern mich, Ich-Selbst zu sein.
Der Traum meines Nächsten ist mein Traum;
und mein Haus steht offen
allen Winden die mich bewegen
und allem leben das mich betrifft.
Der Wein ist gelagert für Euch,
und Brot und Salz mögen die Freundschaft besiegeln.
Unter dem Sternbild der Katze geboren,
bin ich bereit,
Euch aufzunehmen nach Euren Wünschen,
wenn Ihr mich nehmt, wie ich bin.
Und wenn Ihr mich nehmt, wie ich bin,
will ich mit Euch trinken.

BERNHARD DOERDELMANN

Anmerkung:
Dieses „Den menschlichen Menschen“ gewidmete Gedicht meines leider viel zu früh verstorbenen Freundes Bernd Doerdelmann ist 1970 im J.P. Peter, Gebr. Holstein Verlag in Rothenburg ob der Tauber erschienen und wurde in 25 Sprachen übersetzt. In ihm drückt sich aus, was auch mir wesentlich erscheint und was Max Tau in seinem Nachwort so treffend herausarbeitet (geschrieben 1970 in Oslo):

Der Lyriker Bernhard Doerdelmann begann als Rebell. Er kämpfte gegen die unhaltbaren Zustände. Er ist ein Dichter und daher von dem Traume beseelt, daß nur die echte Brüderschaft zum Frieden für die Menschen beitragen kann. Sein Gedicht “Einladung“… erweckt uns. Es zeigt uns, daß es nur eine Möglichkeit für die Zukunft gibt, den Nächsten ohne Vorurteil zu verstehen, so daß wir soweit kommen, daß wir mit jedem Menschen durch den Respekt vor dem Anderssein zur gegenseitigen Freude leben können. So ist das Gedicht ein Beitrag zu der Prophetie von Gotthold Ephraim Lessing, „daß der Mensch das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht weil willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind. Sie wird gewiß kommen, die Zeit eines neuen, ewigen Evangeliums“.

 

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