Komm ins Offene Freund

Komm ins Offene Freund

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Helmut Dürr
Helmut Dürr

 

In memoriam Helmut Dürr

ROTHENBURG – Es ist nicht nur der besondere Ort „Unter den Linden“ – es ist auch Rothenburg, die Stadtgemeinschaft, die man sich ohne „den Helmes“ nicht vorstellen mag. Sein Vermächtnis ist groß, die Lücke nicht zu schließen. Ohnmächtig gilt es zu begreifen, dass ihm die heimtückischste aller Krankheiten keine Chance mehr gelassen hat. Dankbar heißt es wahrzunehmen, dass es für ihn eine Erlösung war diese Welt verlassen zu dürfen. Eine Beruhigung, wenn man so wie er – fürsorglich gepflegt und im Kreis aller Familienmitglieder – friedlich einschlafen darf.

Wieviel wäre noch zu tun, zu reden und zu feiern gewesen mit dem erst 62-jährigen Familienvater und dem „Wiesenwirt”, der aus einem ursprünglichen, historischen Flecken zwischen Tauberbrücke und Bronnenmühle einen beseelten Ort erwachsen ließ. Schon rund 35 Sommer lang ist er über die Gaststätte hinaus vor allem eine Begegnungsstätte. Wie viele Treffen und Gespräche hätten ohne dieses Angebot wohl nie stattgefunden? Sei es, weil man gewisse Gespräche eben nur in dieser zur Muse anregenden Umgebung führt oder weil man in der lauschigen Weite des Taubergrunds ungeplant mit Leuten zusammenkam, mit denen man sich sonst nicht getroffen hätte.

Intuition und Schicksal nach einer bewegten Vorgeschichte ließen Helmut Dürr seine „Wiesen-Karriere“ starten. Noch als Schüler musste er den tragischen Tod seines Vaters verkraften, in dessen Fußstapfen als Steinbruchbesitzer er nur kurze Zeit trat. Bei der AEG fing er eine Lehre an, machte das Abi nach, lernte Gastronom (mit Meisterbrief), arbeitete im Forst und landete schließlich als endgültige Bestimmung auf jenem Fleckchen paradiesischer Erde, die es ihm bei der Fahrt ins Vorbachtal lange angetan hatte: an der Bronnenmühle, wo 1979 die Wiesenwirtschaft ihren Anfang nahm.

Sein Eintreten als überzeugter Sozialdemokrat und Gewerkschafter in der IG Metall für ausgleichende Gerechtigkeit und sein soziales Engagement für Humanismus und menschenwürdiges Dasein, machten seinen politisch-gesellschaftlichen Standort deutlich. Wo er es für nötig hielt, vertrat er ohne Rücksicht auf mögliche Nachteile seine Meinung – ein standhafter Charakter mit ausgelebter sozialer Ader wie es sich in der stillen für ihn selbstverständlichen Unterstützung von sozial Schwächeren ausdrückte.

Mit dem Moped durch Rom düsen oder sich von Künstlern am Montmartre inspirieren lassen – er konnte so viele schöne, auch wilde Geschichten von dem erzählen, was sein Leben bereichert hat. Schon lange vor der Wiese gab es das kleine Vorbacher Wirtshaus: nicht nur Treffpunkt der Rothenburger zum Vespern und Schöppeln, sondern vor allem Ende der sechziger bis Ende der siebziger Jahre die erste Kleinkunstbühne.

Dort und dann am Tauberstrand beim Helmes hatten Bands und Künstler, die erst später bekannt wurden, ihr Debüt: Bernies Autobahn-Band, Hubert von Goisern, die Zupfgeigenhansl, Ars Vitalis, Trio Blamage, Liederjan, Hanns Meilhamer, Ossi Sölderer (damals über Autor Bernd Doerdelmann), Sigi Zimmerschied oder die Big-Band Hannes Zerbes.

Mehr und mehr wurde die Familie zum Mittelpunkt, ohne seine Frau Angelika Mann wäre der Betrieb undenkbar. Beide durften sich über die Kinder Max, Felix, Teresa und Flo ebenso freuen wie über ihre Enkel. Um Helmut Dürr trauern weiter die drei Geschwister mit Familien und seine betagte Mutter Babette Dürr. Die Familie war ihm die große?Lebenserfüllung, ihre Zuneigung spürte er bis zur letzten Stunde, denn alle waren beisammen, als er zuhause einschlief ­– eine Gnade so würdig unter den Lieben sterben zu dürfen.

Für Familien und die Kinder hatte er immer Besonderes geboten, sogar einmal den Vorbach aufgestaut; wo gibt es schon ein Schwingseil am Baum, an dem sich Jung und Alt austoben dürfen? Alle fühlen sich „Unter den Linden“ wohl, vielleicht auch deshalb weil hier die Verbindung Mensch-Natur so erholsam spürbar ist.

Helmut Dürr © rolf diba

Stundenlang konnte man mit Helmut Dürr philosophieren – tiefschürfend, sehr nachdenklich, und stets war er ernsthafter und überlegt beratender Zuhörer, wenn einen etwas bedrückte. Innerlich aufgetankt hat man den gastlichen Ort wieder verlassen, bei dem keine noch so lange Buchlektüre in der Sonne durch lästigen Konsumzwang gestört wurde. Ein „Fluchtpunkt“ für Einheimische und Touristen sollte es sein, sagte er einmal – er hat ihn verwirklicht und die vielen Gäste der Sommer- wie der Wintersaison schätzten das.

„Komm! ins Offene, Freund!“ zitierte er gerne das Gedicht von Friedrich Hölderlin: „Wo den Gästen das Haus baut, der verständige Wirt“. Dieses Haus hat er im Geiste der vielen guten Begegnungen und Gespräche so solide errichtet, dass es auf andere Art über seinen Tod hinaus weiterbestehen wird, getragen von seiner Frau Angelika und den Kindern. Aber auch von den guten Freunden und treuen Gästen, die diesen Sommer wieder „zum Helmes“ gehen können, denn sein Vermächtnis wird in seinem Sinne fortgeführt.

„Und es schauen so oft lächelnd die Götter auf uns… Wir, so gut es gelang, haben das Unsre getan“ fährt Hölderlin fort. Helmut Dürr hat das Seine getan und für viele, die ihn geachtet und als feinsinnigen Menschen geschätzt haben, bleibt er nicht nur bei den künftigen Besuchen „Unter den Linden“ immer gegenwärtig.

ROLF DIBA

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