Als der Bomber zerschellte

Als der Bomber zerschellte

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Willi Klenk: Hier war die Absturzstelle

ROTHENBURG –Er sah die brennende Maschine, beobachtete wie Fallschirme niedergingen und wurde als 17-Jähriger zum Augenzeugen des Bomberabsturzes vom März 1945 bei Hemmendorf: Der Landwirt Willi Klenk, 89, bringt zusammen mit einigen weiteren Zeitzeugen Licht ins Dunkel der bislang wenig bekannten Ereignisse.

Erfreuliche Leser-Reaktionen lassen die Geschichte aus den letzten Kriegswochen immer mehr Konturen gewinnen. Dabei erweist sich der Hemmendorfer Willi Klenk als der entscheidendste Augenzeuge, denn er hat nachts nicht nur den Absturz mit eigenen Augen gesehen, sondern suchte auch kurz danach die nur rund 500 Meter von seinem Hof entfernte Absturzstelle auf. Und er kann sich an zahlreiche Details erinnern, allein die Frage, um welchen Flugzeugtyp es sich genau handelte bleibt auch noch weiter offen.

Das Leser-Echo geht im Ursprung auf unser Oster-Feuilleton mit dem Bericht über den Buchautor Peter Kuper zurück, der seine in Rothenburg verbrachte Jugendzeit schildert und erwähnt, dass er mit anderen Jungs im Frühjahr 1945 die Absturzstelle eines Bombers auf einem Feld nahe Rothenburg besuchte. Daraufhin überraschte uns Armin Wurzrainer,79, sogar mit Fotos vom Fugzeugwrack und erzählte wie er als achtjähriger Junge mit seiner Familie tags darauf selbst das „riesige Trümmerfeld” besucht hat (wir berichteten). Der mit ihm verwandte Fotograf Alfons Ohmayer ist selbst auf einem der Bilder zu sehen.

Dessen in Schwabach lebender Sohn Dieter Ohmayer, 79, war ebenfalls als Junge an der Absturzstelle bei Hemmendorf dabei und hat sich „eines dieser stinkenden Plexiglasteile mitgenommen”, wie er uns erzählt. Weder Polizei noch deutsches Militär habe man damals gesehen. Außerdem weiß der gebürtige Rothenburger auch von anderen Kriegs-ereignissen: Die Ohmayers wohnten in der Ansbacher Straße 4 direkt neben dem Amtsgericht, wo kurz vor Kriegsende eine Sprengbombe einschlug. „Da hat es bei uns die Fensterscheiben zerdeppert und im Amtsgerichtsgarten blieb ein großer Trichter zurück”, weiß Dieter Ohmayer. Nahe der Herrnmühle sei dann die zweite Sprengbombe eingeschlagen. Und rund ein Jahr vor Kriegsende habe er letztmals ein deutsches Flugzeug am Himmel über Rothenburg gesehen – und das war auch noch der erste Düsenjäger der Welt, eine ME 262, Hitlers späte „Wunderwaffe“.

Nun fruchtete der erneute Aufruf im Zeitungs-Artikel „Bomberpiloten verbrannt” vom 9. Juni 2016 und es meldeten sich mehrere Leser. So Reinhold Endres, 80, aus Adelshofen, der uns auf eine Flugzeuglandung auf dem Kreuzfeld zu Kriegszeiten hinwies und einiges zu den letzten Tagen des Dritten Reichs sowie dem Luftangriff sagen konnte (ein Interview dazu machte die Realschulfilmgruppe). Aus Brundorf meldete sich der 88jährige Alfred Sackenreuther, der im März 1945 die abstürzende Maschine brennend am Himmel gesehen hat und zwar „wie ein Feuerball zwischen Hemmendorf und Leuzenbronn“, so schildert er seine Eindrücke. Dann sei das Flugzeug „mit Getöse runter”. Im Leuzenbronner Friedhof habe man drei Besatzungsmitglieder beigesetzt, die später aber umgebettet wurden.

Die Familie Sackenreuther, christlich orientiert, sah das positiv, aber andere hätten die Beisetzung der ehemaligen „Feindsoldaten” anders betrachtet. Bordkanone gehört Der Augenzeuge des eigentlichen Absturzes ist Willi Klenk: „Es war spät nachts und ich lag im Bett, als ich ein Flugzeug hörte und dann das Taktaktak einer Bordkanone als kurze Salve” erzählt er, der alles von seinem Hof in Hemmendorf aus miterlebte. „Ich rannte ans Fenster und da war schon das brennende Flugzeug am Himmel, dann sind drei Mann ausgestiegen, wobei ich noch einen Fallschirm runterkommen sah“, schildert uns der rüstige Landwirt die Abläufe. Weitere drei Insassen sind wohl verbrannt. Der Bomber ist laut Klenk ganz dicht am Dorf vorbei geflogen und rund 500 Meter entfernt nordöstlich in Richtung Schwarzenbronn so stark aufgeschlagen, „dass das Haus gezittert hat!”.

Das Flugzeug zerrissen

Der Augenzeuge weiter: „Ich zog mich an und lief gleich raus aufs Feld, da war alles hell und brannte, so dass ich nicht näher ran konnte. Durch den Aufprall hat es das Flugzeug völlig zerrissen, über gut 400 Meter waren die brennenden Trümmer verstreut”. Als es hell wurde wollte Willi Klenk an die Absturzstelle, da hätten ihn aber Volkssturmleute abgehalten zu nahe zu kommen. Trotzdem habe er auf der noch zugänglichen Wiese Leichenteile gesehen: „Da lag ein Unterkiefer, das hat mich als junger Mann unglaublich geschockt!” erinnert er sich. Willi Klenk hat damals gehört, dass es ein englisches und kein US-Flugzeug gewesen sei, das offenbar ein deutscher Jagdflieger abgeschossen hat. Der Jagdflieger-Pilot soll sogar anderntags vor Ort gewesen sein. Die drei umgekommenen Besatzungsmitglieder, das bestätigen die beiden Augenzeugen aus Hemmendorf und Brundorf übereinstimmend, wurden an der inneren Friedhofsmauer neben dem Pfarrhaus beigesetzt, „dort wo sonst die Kindergräber waren”, wie wir erfahren. Etwa zwei Jahre später seien sie umgebettet worden. Drei überlebende Besatzungsmitglieder sollen am nächsten Tag abgeholt worden sein, näheres ist nicht bekannt.

Der 17-Jährige Reichsarbeitsdienstler Willi Klenk bekam noch Ende März einen Stellungsbefehl für das letzte Aufgebot zur Abwehr der Russen bei Magdeburg, Kaserne Altengrabow: „Nach dem Angriff auf Rothenburg mußte ich Ostermontag fort, nur nachts mit dem Zug wegen der Tiefflieger. Ich kam sogar noch an, aber in der Kaserne wurde ich gefragt, was ich da noch will, darauf machte ich mich gleich auf den Heimweg und war am 10. April wieder zurück!” Schlimmes Kriegsende Der Brundorfer Alfred Sackenreuther sollte noch zum 15. April 1945 in die Rhön einberufen werden, was sich aber mit dem Vormarsch der Amerikaner schnell erledigte. Den Luftangriff erlebte er als junger Feuerwehrmann: „Da waren wir Leuzenbronner in der Stadt beim Löschen, unsere Motorspritze stand bei der katholischen Kirche am Brunnen.”

Hier war die Grabstelle
Hier war die Grabstelle

Die Familie Sackenreuther mußte zusehen wie am 17. April 1945 der eigene Hof nach US-Beschuss komplett abbrannte, Menschen und Tiere starben. Zusammen mit anderen saß man während des Angriffs in einem selbst gebauten Erdloch-Bunker (drei mal drei Meter) mit 18 Leuten. Die Amerikaner warfen eine Handgranate hinein, deren Wirkung ein Soldat mit einem Koffer noch dämpfen konnte, aber eine Dienstmagd aus Mergentheim und ein kleines Mädchen gehörten zu den Toten.

„Das Mädchen starb in den Armen meines Vaters. Mit dem Leiterwagen mußten die Haindls aus Rothenburg am andern Tag ihr totes Kind abholen, das doch bei uns sicher sein sollte. Es war furchtbar, eine sehr schwere Zeit.“ schildert uns der 88-Jährige Brundorfer tief bewegt dieses bis heute für ihn gegenwärtige Erlebnis. Was den Bomberabsturz betrifft, so haben die Aussagen vieles erhellen können, offene Detailfragen könnten vielleicht Militärarchive beantworten. Leider wird es in wenigen Jahren gar keine Zeitzeugen mehr geben, es bleiben dann nur Dokumente.

ROLF DIBA

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