„Juwel und Königin“

„Juwel und Königin“

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Preisträgerin Herta Dietrich © rolf diba

 „Ein Juwel der Düsternis, aber auch eine Stadt wie eine Königin” – Erkenntnisse über Rothenburg ob der Tauber aus einer Kurzgeschichte von Herta Dietrich, mit der sie jetzt den 1. Preis beim Literaturwettbewerb des Stadtmarketings Rothenburg gewonnen hat. Damit kann sie an ihren letztjährigen Erfolg beim fränkischen Kurzgeschichten-Wettbewerb anknüpfen. 

Hatte die aus Siebenbürgen gebürtige Windsheimerin 2016 in Nürnberg unter 400 Autoren die Spitze erreicht, so gab es diesmal bei über 40 Einsendungen zum Rothenburger Wettbewerb auch wieder einen überzeugenden ersten Platz. Die Fach-Jury war von ihrer kurzen Prosaform in „Das kleine Mädchen“ durchgehend beeindruckt: stilistisch stimmig, passende Methaphern („Die Wurzel der Traurigkeit wuchs dornig..) und ein gelungenes Spiel mit verschiedenen Zeitebenen wird ihr bescheinigt.
In ihrer Geschichte besucht eine greise amerikanischeTouristin mit schmerzlichen Erinnerungen die Stadt ihrer Kindheit, „Inbegriff reinster Postkarten-Romantik, ein Stadt gewordenes Märchen und eine Märchen gewordene Stadt” – so Herta Dietrich über Rothenburg, das ihr auch ganz persönlich ein bisschen Heimatgefühl vermittelt, stammt sie doch aus Schäßburg, dem siebenbürgischen Rothenburg. Seit 26 Jahren wohnt die Germanistin und frühere Deutschlehrerin  in Bad Windsheim, wo sie als medizinische Fachangestellte arbeitet.
Es ist die traurige Geschichte von der siebenjährigen Sarah, die von ihrer Mutter getrennt wird „als Steine flogen, als sie uns schlugen und traten und auf die Gassen schleiften” – ein Stück deutsche und erschreckend konkrete Rothenburger Geschichte der Judenverfolgung! Die sprachliche Stärke der Autorin ist berührend: „..die Mauern hatten Ohren, und sie hörten das Flüstern über mein Anderssein, sie hörten und sahen, dass ein Mal auf meiner Haut war, oder in meiner Seele, in meinem Glauben oder in meiner Liebe, weil meine Haut zu dunkel, oder meine Seele zu traurig war, weil ich falsch glaubte oder verkehrt liebte, weil ich eine Fremde war”. In der Geschichte ist die Rede von „der Utopie, dass kein Mensch je wieder einen Stern tragen sollte”.
Gewinner und Jury des Schriftsteller-Wettbewerbs © rolf diba
Der zweite Preis ging an die elfjährige Sarah Müller, die auf ihre Art nicht minder beeindruckte und zwar nicht nur mit ihrer Museums-Story, sondern auch als Erzählerin. Eine Schülerin wird versehentlich über Nacht ins Museum eingeschlossen, wo der Meistertrunkhumpen und andere Exponate plötzlich lebendig werden, musizieren, sich unterhalten  und die Stadtgeschichte reflektieren.
Der dritte Preisträger, Lehrer Klaus Stuppi, hat die Sage von der weißen Frau, die in Rothenburgs Bronnenmühle spuckt, als spannend zu lesende Kurzgeschichte ausgeschmückt, die den Leser dazu animiert, beim nächsten Besuch in der Wiesenwirtschaft „Unter den Linden” mal Ausschau nach dem Geist hinter den alten Mühlenfenstern zu halten.
Erinnerung an die alte Ziegelei
Dass der Stadtmarketingverein mit der Ausschreibung richtig lag, zeigte sich auch an den beiden Ehrenpreisen. So  bereicherte die anwesende 93jährige Erika Unbehauer mit ihrer Jugend-Schilderung vom Alltag aus den dreißiger Jahren die Runde, als sie von der alten Ziegelei und Lehmgrube in der Stadt erzählte. Helmut Korder, gebürtiger Burgbernheimer, trug ein Dialekt-Gedicht aus der Kindheit seiner Mutter vor, mit dem das literarische Spektrum der gelungenen Abendveranstaltung im Cafe „Lebenslust” seine Abrundung fand.
Die Veranstalter hatten sich über die breite Beteiligung aus dem Rothenburger Umland, aus Hohenlohe und sogar aus der Region München gefreut. Oberbürgermeister Walter Hartl lobte als Schirmherr die gute Idee, lebe man doch „leider in einer Zeit, in der es Menschen wie den US-Präsidenten gibt, die die Welt auf 40 Zeichen reduzieren”. Der Wettbewerb mache wieder Lust zum Schreiben und Lesen.
Wichtiger als die Prämien war sicher das Mitmachen und der gemeinsame gesellig-literarische Abend. Preisträgerin Herta Dietrich freut sich ganz besonders den 1. Preis ausgerechnet in der Stadt bekommen zu haben, zu der sie „eine innige Beziehung“ hat,  denn in mittelalterlichen Städten fühle sie sich  „heimisch wie zu Hause”.
rolf diba

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