Schmerzliche Erinnerung an jüdisches Familienschicksal – neue Hoffnung

Schmerzliche Erinnerung an jüdisches Familienschicksal – neue Hoffnung

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Peter Loeser auf Spurensuche in Rothenburg

ROTHENBURG OB DER TAUBER (djb) – Unter den vielen Touristen, die Rothenburg besuchen, fällt er nicht auf: Peter Loeser aus Stockholm mietet sich für einige Nächte in einem namhaften Hotel ein und könnte eigentlich die mittelalterliche Stadt genießen, um mit romantischen Urlaubseindrücken zurückzufliegen. Aber für den 73-Jährigen ist dies eine schmerzliche Wegmarke: Er schläft in dem Haus, das drei Generationen der jüdischen Familie Löwenthal gehörte, aus der er stammt – und die man mißhandelt, enteignet und vertrieben hat.

Rothenburg und die jüdische Gemeinde, das ist eine Geschichte die im 13. Jahrhundert beginnt und von jüdischer Hochkultur über das Pogrom 1298 in der Burg durch viele Höhen und Tiefen bis 22. Oktober 1938 reicht, als die nationalsozialistische Vorzeige-Stadt sich rühmte „judenfrei“ zu sein. Jahrzehnte hat es nach dem Krieg gedauert, ehe man sich mit dem dunklen Kapitel der Stadtgeschichte befaßte. Erst heute ergibt sich dank wissenschaftlicher Dokumentationen ein detailliertes Bild.

Aus dem Fotoalbum der Rothenburger Familie Löwenthal, darunter Fotos vom 1. Weltkrieg

Peter Loeser ist der Enkel von Ludwig Löwenthal, der im Haus Herrngasse 26 gestorben ist, in dem auch seine Mutter aufwuchs. Daten sind für ihn zwar erhellend, aber erstmal spielen Gefühle die entscheidende Rolle. Er ist ein sympathischer, abgeklärt wirkender Mann, der nicht von Hass, sondern eher von Trauer erfüllt ist und sich immer wieder fragt, wie es geschehen konnte, dass man gute Nachbarn plötzlich zu Feinden erklärte und bedrohte?

„Das sind sehr viele Eindrücke und Gefühle, die ich habe, das alles macht mich ziemlich schwach” sagt der 1944 in Stockholm geborene Peter Loeser. Vieles muss er in aller Stille auf sich wirken lassen. Da ist der Besuch des jüdischen Friedhofs, den die Nazis verwüstet hatten und der nach 1945 wieder hergerichtet wurde. Die Grabsteine seiner Familie läßt er jetzt dort erneuern. Seine Eltern konnten noch 1939 dank geschäftlicher Beziehungen (der Vater Paul Loeser hatte in Pforzheim ein Schmuckgeschäft) nach Schweden auswandern.

Aus dem Album der Familie Löwenthal in Rothenburg (links Galgengasse, rechts das Anwesen der Löwenthals in der Herrngasse vor dem Krieg).

„Mein Vater war sogar als Kriegsfreiwilliger für Deutschland im 1. Weltkrieg“ erzählt Peter Loeser – viele Juden dienten so überzeugt dem Deutschen Reich, dass sie die Vertreibungs- und Mordabsichten des NS-Regimes einfach nicht wahrhaben wollten. Noch 1937 hatten sich Vater und Mutter in Rothenburg im elterlichen Anwesen Herrngasse 26 verlobt. Das war damals als Wohnhaus mit zugehörigem Waschhaus und Stall sowie Scheune mit großem Hof und Garten im Grundbuch eingetragen. Im Mittelalter wohnte Bürgermeister Bezold in dem Haus, der heute im folkloristischen Festspiel eine Rolle spielt. Auch das kleinere Nachbar-Wohnhaus Nr. 23 gehörte der Familie Löwenthal. Schräg gegenüber befand sich die jüdische Synagoge, die 1938 von den Nazis zerstört wurde, eine Tafel erinnert daran.

Die Nazis vertrieben schon vor der Reichskristallnacht die letzten noch geduldeten jüdischen Bürger. Die Autorin Gertrud Schubart, 90, war als junge Schülerin gezwungen mit ihrer Klasse bei der Schändung des Betsaals dabei zu sein. „Jetzt schreit alle laut: Juden raus!” hatte ihr Lehrer am 22. Oktober 1938 befohlen. Danach hätten sich Buben ihrer Klasse „gebrüstet, auch ins gegenüberliegende Haus der Löwenthals eingedrungen zu sein, wo man in der gepflasterten Tenne die Chaise umwarf und antisemitische Parolen grölte“.

Die Löwenthals gehörten zu den angesehenen jüdischen Familien, um 1926 waren 24 Familien gemeldet, darunter viele Viehhändler, aber auch Textil- und Lederwarenhändler, ein Metzger und Lehrer, es gab eine jüdische Kultusgemeinde. In der Herrngasse, in der einst die Patrizier lebten, lagen mehrere jüdische Geschäfte. Heumann & Strauß und Westheimer sind bekannte Namen.

Peter Loesers Großeltern Ludwig und Fanny Löwenthal hatten die Töchter Minna und Else. Von seiner Mutter Minna weiß er die traurige Geschichte, die er nun am Ort des einstigen Geschehens erzählt: „Meinen Großvater Ludwig Löwenthal haben die Nazis auf der Straße angegriffen und geschlagen, dann versuchte man den Arzt zu holen, der aber einen Juden nicht behandeln wollte. So kam er zurück in dieses Haus und starb am 11. Februar 1936 an einem Herzinfarkt!”

Ludwig und Fanny Löwenthal mit Töchtern Else und Minna.

Gewalttätig verfolgt wurden Juden ab 1933, als der jüdische Lederwarenhändler Leopold Westheimer wie am Pranger mit einem Schild um den Hals als vermeintlicher „Rassenschänder“ durch die Gassen getrieben wurde. Im nahen Creglingen haben SA-Leute damals 16 jüdische Männer so misshandelt, dass zwei davon starben.

Zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes hat man die Witwe Fanny Löwenthal gezwungen ihren Besitz zu verkaufen. So wurde das Anwesen im Oktober 1938 wie alle anderen jüdischen Häuser auch „arisiert“ wie man das umschrieb. Erwerber war in diesem Fall ein örtlicher Druckereibetrieb, mit dem 30.500 Reichsmark vereinbart waren, die dann jedoch die NS-„Preisbehörde“ auf 21.000 RM herabgesetzt hat. Das Geld landete wie meist in solchen Fällen erstmal auf Sperrkonten und über bürokratische Raffinessen wie z. B. einer „Reichsfluchtsteuer” sorgte der NS-Staat häufig dafür, dass den Juden am Ende nichts mehr blieb.

Minna Löwenthal, die Mutter von Peter Loeser als junges Mädchen in Rothenburg

Fanny Löwenthal konnte nach England emigrieren, ihre Tochter Minna mit der Familie Loeser 1939 nach Stockholm-Solna, wo dann nach dem Krieg wieder alle vereint waren. Nach 1945 stellte die Militärregierung ehemals jüdischen Besitz zunächst generell unter Treuhandschaft. In einem langen Prozess wurde die Herrngasse 26 zwar Fanny Löwenthal wieder zugesprochen, aber sie konnte die Rücknahme nicht mehr realisieren, denn die Belastungen (Bauauflagen und Kosten) waren zu groß. Auch die Rückgabe der von den Nazis vereinnahmten den Löwenthals gestohlenen Gegenstände wurde zum peinlichen Nachkriegs-Schauspiel wie die Akten belegen. Bis die Stadt einen antiken Schrank endlich 1956 herausgab, war Fanny Löwenthal schon zwei Jahre tot. Schließlich ging das Anwesen Herrngasse 26 anfangs der fünfziger Jahre vom Treuhänder an einen neuen Eigentümer, der das Gasthaus „Meistertrunk“ daraus machte. Heute ist es ein renommierter Hotelbetrieb, zu dem das Restaurant gehört. Dessen bereits dritter Nachkriegs-Eigentümer führte nun den 73-jährigen Enkel des einstmals jüdischen Besitzers durch das historische, aber zweckgebunden gegenüber der Vorkriegszeit erheblich veränderte Haus.

Stolpersteine in den Gassen Rothenburgs künden davon wieviele Juden vertrieben wurden und im KZ umgekommen sind, einige konnten noch rechtzeitig auswandern. Die letzten 17 Juden wurden am 22. Oktober 1938 aus der Stadt vertrieben, man hat ihnen alles genommen.

Für Peter Loeser ist es ein Stück weit Genugtuung, wenn er nach seinem Besuch feststellt: „Ich habe gesehen, dass es hier viele Menschen gibt, die sich um das Andenken der Juden kümmern und dass man jetzt wirklich versucht die jüdische Geschichte von Rothenburg zu erzählen”. Er möchte wiederkommen.                               Rolf Diba

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