Bleibende Spuren

Bleibende Spuren

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Autorin Gertrud Schubart Foto @ Rolf Diba
Sie hat das Rothenburger Kulturleben mit geprägt und als Autorin für die Pflege und den Erhalt der Mundart einen wesentlichen Beitrag geleistet – nun ist Gertrud Schubart mit 92 Jahren am 5. Februar 2019 verstorben. Sie hinterläßt ein umfassendes lyrisches und literarisches Werk und es gibt leider niemand mehr, der die Lücke ausfüllen könnte.
Gertrud Schubart spürte die nachlassenden Kräfte, schon der Wechsel von ihrem schönen Häuschen mit Garten ins Seniorenzentrum Kaiserweg war ein gewaltiger Einschnitt. In den letzten Wochen rief sie alle, die ihr wichtig waren, noch einmal an, bedankte sich für die Begegnungen. Es war für sie ein bewußtes Abschiednehmen.
Rothenburg galt einst als kleine Bastion für Literatur und Lyrik, vor allem für die Mundart –  verbunden mit den Namen Gertrud Schubart, Wilhelm Staudacher und Bernd Doerdelmann sowie Gottlob Haag und Walter Hampele im Hohenlohischen. Von diesem literarischen Freundeskreis lebt jetzt nur noch Walter Hampele,90, in Hall. Die andern sind ihr vorausgegangen.
Die Familie Stürnkorb, der sie entstammte, betrieb vor dem Krieg den Gasthof Greifen. Dort wuchs sie auf, am Alten Keller hinter der Wirtschaft war ihr „Spielplatz”, eine Gasse, in der einfache und rechtschaffene Leute wohnten, wie sie erzählte.  Die unbeschwerte Jugend hieß für sie Jungmädel im BDM, als man noch an den Führer glaubte. Dann aber wurde sie Augenzeugin der Vertreibung der Juden und mußte als Schülerin mit der Klasse bei der Zerstörung des jüdischen Betsaals in der Herrngasse zusehen. Bis zum bitteren Ende, so schilderte sie es, habe man die Hassparolen hören müssen. Als an Ostern 1945 die Bomben fielen, löschte die 18jährige mit ihrer Schwester Lore unterm Dachstuhl Stabbrandbomben.
Ihre Aufsätze zum Dritten Reich und Zeitzeugen-Videos sind wertvolle Dokumente. Schon kurz nach dem Krieg heiratete sie ihre große Liebe Oskar Schubart (später Bankdirektor und  bis 1988 Oberbürgermeister).  Hier trafen sich auf ideale Weise auch die  geistigen, musikalisch und literarischen Interessen in einer glücklichen Ehe. Mit dem Wiederaufbau der Stadt ging privat die Familiengründung einher. Der Tod ihres Mannes 2003 war  nur sehr schwer zu verkraften.  Aber sie blickte mit Gottvertrauen nach vorne, freute sich an ihren Enkeln, ihr heiteres Wesen und ein starker Charakter halfen ihr dabei. Und natürlich  ihre Leidenschaft, die neben der Lyrik (Mundart und Hochdeutsch) auch der Malerei und Musik galt, ihre Bücher illustrierte sie gerne mit eigenen Zeichnungen.
Gertrud Schubart wie man sie kannte. Foto@ Rolf Diba
Als  eine gute Gastgeberin empfing sie im Wintergarten  gerne liebe Gäste auf eine anregende Plauderei beim Tee, spielte manchmal auf ihrem Bechstein-Flügel, der ebenso wie die reich bestückte Bibliothek neben den eigenen Gemälden und Bildern Ausdruck des Geistes war, der im Haus Fritz-Huhn-Straße 4 herrschte.
Insgesamt 23 Bücher und Lyrikbändchen, Sammlungen von Sagen, Aphorismen und Sprichwörtern sowie ein Mundart-Wörterbuch,  über 100 Hörfunksendungen (der frühere BR-Studioleiter Dr. Buhl protegierte die Rothenburger Mundartszene) und über 250 Lesungen zeugen von ihrer erfolgreichen Arbeit. Darunter Schätze für die Sprachwissenschaft, denn viele Dialektwörter, Kinderreime und Sprüche wären sonst für immer verloren. Mit der Verdienstmedaille hat die Stadt ihren Kulturbeitrag gewürdigt.
„Mein Herz kennt Träume” ist ein Gedichtband von ihr betitelt. Gertrud Schubart hat sich viele Lebensträume erfüllt und war dankbar dafür. „Alles hat seine Zeit…alles ist Übergang und Vergehen. Auch deine Spur” heißt es in einem ihrer Gedichte.
 DIETER BALB

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