Buchhändler in der Nische

Buchhändler in der Nische

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Buchhändler Klaus Krüger, Maulbronn Foto © rolf diba

MAULBRONN – Den Charm, die Individualität und das ganze Einkaufserlebnis mit persönlicher Beratung eines kleinen familiengeführten Ladens kann kein Verbrauchermarkt und auch kein Internet-Angebot toppen. Das gilt gerade auch im Buchhandel. Was gibt es Schöneres, als in einem mit wertvollen, gedruckten Büchern, Kunst und Grafik vollgestopften Laden zu stöbern? In so einem wie ihn die Familie Krüger schon seit 120 Jahren in der Weltkulturerbe-Stadt Maulbronn betreibt. Dort kämpft man gerade in der dritten Buchhändler-Generation ums Überleben, denn die Medienwelt hat sich dramatisch gewandelt. Und doch bleibt das gedruckte Buch seit dem 15. Jahrhundert bis heute begehrt. Hoffnung macht, dass erstmals seit 2012 die Zahl der Buchkäufer bundesweit wieder deutlich ansteigt.

Der Sortimentsbuchhandel ist nach wie vor der stärkste Vertriebsweg mit rund 47 Prozent Umsatz am Gesamtmarkt, aber das E-Buch legt wie der Internet-Handel generell zu, wobei auch örtliche Händler Umsätze im Netz tätigen. „Die Zeiten werden seit einigen Jahren immer schwieriger und das Überleben ist nur noch in Nischen möglich“, sagt Dr. Reto Krüger und er weiß, wovon er redet: Von seinem Vater Klaus Krüger hat er die Buchhandlung im Klosterhof Maulbronn übernommen. Das Buchhändler-Gen liegt im Blut, denn schon seit 1899 ist die Buchhandlung im Familienbesitz. Und nun zum 120jährigen Bestehen stellt sich immer mehr die Frage, ob und wie man noch weitere Jahre als kleiner Händler durchhalten kann. „Mein Vater hatte schon eine Buchbinderei betrieben“ erzählt der Senior, aber die Zeiten sind unsicher und seit fünf Jahren werde die Lage immer schwieriger, betont er. Für seinen Sohn ist die nähere Zukunft in diesem Gewerbe von vielen Fragezeichen geprägt.

Längst kein Einzelschicksal mehr, sondern eher eine Dauererscheinung ist die Schließung von Buchhandlungen. Es müssen mehrere Parameter zusammenkommen, um sich halten zu können. Sortiment, Kundenbetreuung, erweiterte Kulturangebote und das alles am richtigen Standort, der auch für Publikum und Kundschaft sorgt. Der wird wohl künftig nur noch an besonderen Orten sein, abgesehen von Großstädten, die vielleicht noch Raum für einen Buchhandels-Mix lassen von spezialisierten Universitätsbuchhandlungen über Fachbuchhandlungen bis zu traditionellen Händlern und vielleicht ein paar Antiquariats-Buchhandlungen.

Die Buchhandlung Krüger seit 1899 am Klostertor. Foto © rolf diba

Ansonsten beherrschen zwei machtvolle Angebote den Markt: das Internet mit Amazon und Laden-Ketten wie die Thalia Holding (970 Millionen Umsatz 2018), gefolgt von Weltbild (440 Millionen) und Hugendubel mit 335 Millionen Jahresumsatz. Ergänzt um kleinere unter den Größeren wie z.B. Osiander mit 95 Millionen Umsatz oder Rupprecht mit 38 Millionen, der 44 mal vor allem in Bayern vertreten ist und auf ein dichtes Netz achtet wie z.B. von Dinkelsbühl und Ansbach über Rothenburg bis tauberabwärts ins württembergische Bad Mergentheim.

Tradition und Service punkten

Eine Kleinstadt mit 11.000 Einwohnern wie Rothenburg ob der Tauber gerät bei gleich drei Buchhandlungen schon zur großen Ausnahme, was nur zum Teil mit den pro Jahr geschätzten 2,5 Millionen Tagestouristen zusammenhängt. Denn hier halten sich bemerkenswerterweise auch noch zwei kleinere Buchläden, obwohl sie mit der Buchhandelskette Rupprecht vor zwei Jahren größere Konkurrenz bekommen haben. Die seit 65 Jahren bestehende Traditions-Buchhandlung der Familie Robanus wird nach dem Tod des Seniors Helmut Robanus (der mit über 80 Jahren noch im Laden stand) vom Sohn Friedrich erfolgreich weitergeführt. Und wenige Häuser weiter hat sich erst vor 14 Jahren der Buchladen von Grazyna Cebulla etabliert, die auf gezielte Angebote setzt und sich gut behauptet. Manche Touristen aus der Großstadt suchen ganz bewußt die kleineren Buchläden auf, weil sie das typische Flair lieben, als Kontrast zu Hugendubel und anderen Buch-Großmärkten. Manche planen den Besuch sogar auf der Durchreise jedes Jahr fest ein.

Wollen durchhalten solange es geht: Buchhändler Dr. Reto Krüger und Senior Klaus Krüger. Foto © rolf diba

Vom Rothenburger Laufpublikum freilich kann man im 6000-Einwohner-Städtchen Maulbronn nur träumen, da hilft auch der Kulturerbe-Titel (den Rothenburg so gerne hätte) nicht viel weiter. Der promovierte Kunsthistoriker Reto Krüger (in der Geschäftsführung zusammen mit Katharina Blum) hat seine Buchhandlung am Klosterhof ideal aufgestellt: mit Ausstellungen, Lesungen, dem Schwerpunkt Belletristik und natürlich Maulbronn-konform alles zu Hermann Hesse. Viel Kundenservice mit Bestellungen über Nacht versteht sich von selbst.

Informationen aus dem Netz

„Die jüngeren Generationen lesen einfach immer weniger, weil sie zunehmend die Informationen aus dem Netz holen“, konstatiert Buchhändler Dr. Reto Krüger und geht von weiterem starken Schrumpfen des stationären Handels aus. Eine „Nische für schöne Bücher“ könne durchaus bleiben, „aber die große Masse wird wahrscheinlich ins Netz abwandern!“ Zwar mag es dafür dann noch „die richtigen Orte geben“, aber die lägen wohl eher in Groß- und Universitätsstädten. Krüger: „Auf dem flachen Land sehe ich eher schwarz, vielleicht noch an speziellen Orten, da hoffe ich natürlich auch an einem wie diesen!“

Mineralien- und Bildersammlung in der Buchhandlung Krüger. Foto © rolf diba

Dafür getan hat man alles. Im familieneigenen „Verlag am Klostertor“ des Vaters hat Dr. Reto Krüger inhaltlich wie typographisch anspruchsvolle Bücher herausgebracht. Dazu zählt „Christian Nast – eine italienische Reise 1729/93″ oder „Das Maulbronner Kruzifix“ mit der Beschreibung des Passionsspiels im Spätmittelalter. Solche vom Herausgeber Dr. Krüger überzeugend kommentierten Werke sind meist mit Ausstellungen und Lesungen verknüpft. Gemälde, Zeichnungen und Grafiken bereichern die Räumlichkeiten am Klosterhof ebenso wie eine seltene Mineraliensammlung. Speziell ist neben Hesse, von dem man ständig rund hundert Titel vorrätig hat, das Thema Mittelalter und Klöster stark präsent. Oder Bibliophiles wie die aufwändige Faksimile-Ausgabe des kunstgeschichtlichen Klassikers von 1890 über die Zisterzienser-Abtei Maulbronn.

Die Nische muss sich rechnen

Vom Wendepunkt in der Buchbranche schreibt neuerdings der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Fast 6000 Buchhandlungen aller Art und Größen gibt es immerhin noch in Deutschland. Vorsteher Heinrich Riedmüller hebt neue Laden- und Veranstaltungskonzepte im Handel positiv hervor, sieht aber die Problematik bei der Nachfolgesuche und steigenden Mieten. In Rothenburg ob der Tauber gab es bis vor Jahren sogar vier Buchhandlungen, aber die älteste, seit 1931 bestehende, Traditionsbuchhandlung Pyczak mußte vor Jahren schließen, weil sich kein Nachfolger mehr fand.

Wenn der Nachfolger da ist, wie im Falle des Buchladens  von Maulbronn, darf man zwar erstmal aufatmen, aber der Betrieb muss sich trotzdem wirtschaftlich rechnen. Da reicht es halt nicht, wenn sich die Weltkulturerbe-Stadt nur darin ausdrückt, „dass wir Hesse auch auf chinesisch und baskisch da haben“, wie Dr. Reto Krüger schmunzelt. Aber hat nicht auch die Schallplatte ihre Nische gefunden und selbst einige Handdruckereien sind wieder neu eröffnet worden. Vielleicht erlebt man ja tatsächlich den Beginn einer anhaltenden Trendwende hin zum „gefühlten Buch“ und die Erlebnis-Buchhandlung am Klostertor kann zumindest noch ihr 125jähriges Bestehen feiern. Zu wünschen wäre es, denn es ist immer auch ein Stück Kultur, die an solchen Orten sonst verloren geht.                                          ROLF DIBA

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