Es bleibt spannend: Briefwähler entscheiden über künftiges Stadtoberhaupt

Es bleibt spannend: Briefwähler entscheiden über künftiges Stadtoberhaupt

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Anspannung beim Verfolgen der ersten Ergebnisse im Sitzungssaal, rechts stehend OB Walter Hartl. Foto © rolf diba

ROTHENBURG OB DER TAUBER – Ein Erdrutsch ist es sicher nicht, was die politischen Verhältnisse bei den Kommunalwahlen betrifft. Allerdings kann man bei diesen Persönlichkeitswahlen von einem runderneuerten Stadtrat sprechen, denn es gibt zehn neue Gesichter im Rat. Und spannend bleibt es bei der Oberbürgermeister-Wahl. Die großen Verlierer sind die Sozialdemokraten: ihr OB-Kandidat hat unerwartet schlecht abgeschnitten, schaffte es nicht mal in den Stadtrat, wo man auch noch einen Sitz verloren hat. Dafür gibt es in Dr. Markus Naser als FRV-Bewerber für das Oberbürgermeisteramt einen Überraschungserfolg. CSU-Bewerberin Martina Schlegl kann sich über ihr sehr gutes Ergebnis freuen und die Stichwahl am 29. März entscheidet darüber, wer von beiden ins Rathaus einzieht. Die Wahlbeteiligung lag bisher bei 55,8 Prozent.

Es entschieden sich 46,77 Prozent der Wähler für Dr. Markus Naser, für den damit sogar der Sieg zum Greifen nahe war. Der bislang vor allem als Historiker und Alt-Rothenburg-Vorsitzender bekannte FRV-Kandidat, zeigt sich selbst überrascht: „Für uns als Freie Rothenburger Vereinigung ist das ein grandioser Erfolg,  ich hab damit nicht gerechnet, das tolle Ergebnis freut uns, aber es reicht noch nicht, denn man muss den Vorsprung bei der Stichwahl erst ins Ziel bringen!“ Als Vereinsvorsitzender habe er auch gegen Vorurteile angekämpft, denn man sei „kein Verhinderer-Verein“, sondern wolle einerseits bewahren, aber genauso die Zukunft der Stadt gestalten, es gehe ihm um „eine lebendige Stadt und nicht um Rothenburg als Museum.“  Die Auslands-Erfahrungen (er war längere Zeit als Gastprofessor in den USA) trügen mit dazu bei, dass man „über den Tellerrand“ hinaussehe. Nötig sei es die Gesamtstadt vorausschauend weiter zu entwickeln.

Gute Voraussetzungen die Ahnengalerie als OB zu erweitern: Dr. Markus Naser, FRV, verfolgt die Ergebnisse. Foto © rolf diba

Naser: „Uns geht es immer um Rothenburg, nie um Parteipolitisches!“ Im Stimmbezirk 2 Berufsschule und 4 (AWO Kindertagesstätte) erzielte Naser sogar über 50 Prozent, im Bezirk 5 (Luitpoldschule 1) dagegen nur knapp 32 Prozent, etwa gleichauf mit Martina Schlegl, während dort der SPD-Bewerber mal mit fast 37 Prozent vorne lag.

Martina Schlegl, die aus Rothenburg stammt und Schulleiterin am Gymnasium in Tauberbischofsheim ist, kann sich als CSU-Bewerberin über 33,60 Prozent der Stimmen freuen. Sie zeigte sich glücklich in die Stichwahl zu kommen und sieht sich mit ihrer Wahlkampfführung bestätigt. Schlegl: „Ich denke wir haben gute Themen gehabt, die die Leute bewegen, konnten überzeugen, und unser Wahlprogramm war eigentlich das einzige, das zusammen mit den Bürgern entstanden ist.  Wir haben eine Kommunalwerkstatt gemacht und nicht im Hinterzimmer Wahlkampf, sondern wir sind raus zu den Menschen, haben die Anregungen aufgenommen, diese Bürgernähe zahlt sich aus!“.

Grund zum Strahlen: Martina Schlegl mit Sohn und CSU-Vertretern (rechts Bürgermeister Dieter Kölle) im Rathaus-Sitzungssaal als die Stichwahl klar ist. Foto © rolf diba

Deprimiert war man bei der SPD, die im Gasthof Ochsen die Abstimmung verfolgte und das Ausscheiden ihres OB-Kandidaten Harry Scheuenstuhl verkraften mußte, den man wenigstens in der Stichwahl gesehen hatte. Dabei kam er lediglich auf 19,63 Prozent.  Man sei „mit den guten Argumenten der Sozialdemokraten“ leider nicht durchgekommen. Scheuenstuhl: „Das ist enttäuschend und sehr überraschend, ich hatte darauf gesetzt, dass meine kommunalpolitische Erfahrung gerade jetzt in der Zeit der Krise besonders gewürdigt wird, aber das war nicht der Fall!“ Im Landkreis Fürth habe er sein Kreistagsmandat aufgegeben, aber es gebe jetzt „keinen Plan B“ nach der verlorenen Wahl.

Weder im Stadtrat noch Kreistag

Scheuenstuhl war Bürgermeister in Wilhermsdorf und bis 2018 sogar im Bayerischen Landtag. Dass er es auch nicht in den Rothenburger Stadtrat schaffte, ließ die Enttäuschung noch größer werden: „Wir haben alles gegeben als Partei, einen Super-Wahlkampf gemacht, hatten viel Zuspruch, aber es hat sich nicht ausgezahlt“. Die Stadt verliere damit auch ihre Einflussmöglichkeit, „denn der OB wird definitiv nicht mehr im Aufsichtsrat von Anregiomed sitzen“, betont der Wahlverlierer, dem ebensowenig der Sprung in den Kreistag gelang, wo er auf Platz 17 gewählt wurde, während die SPD lediglich auf acht Sitze kommt. Kurt Förster kandidierte nicht mehr für den Landkreis.

Enttäuschte SPD: Harry Scheuenstuhl (rechts) neben Bürgermeister Kurt Förster, der die meisten Stimmen aller Stadträte erzielte. Foto © rolf diba

Viele neue Gesichter im Stadtrat

Beim Stadtrat ergaben sich schon allein durch die nicht mehr antretenden alten Stadträte zwangsläufig Veränderungen. Zehn neue Gesichter sind es quer durch die Fraktionen. Während die CSU weiter mit sechs Räten, darunter Martina Schlegl als Neuzugang, vertreten ist, setzte die SPD ihren Abwärtstrend fort. Im Jahr 2008 überzeugte sie noch mit 8 Sitzen vor 6 Sitzen der SPD, 2014 dann nur noch 6 gleichauf mit der CSU und jetzt sind nur noch 5 als zweitstärkste Fraktion übriggeblieben. Bürgermeister Kurt Förster ist mit 3272 Stimmen erneut der absolute Spitzenreiter im Rat, wobei sich hier seine jahrzehntelange solide kommunalpolitische Arbeit niederschlägt. Dazu kommen die bisherigen SPD-Stadträte Dr. Günther Strobl, Stefan Reihs und als neue Michael Benz sowie Simone Ehnes.

Die einstige SPD-Führungsrolle scheint endgültig an die CSU abgegeben – vor fast fünf Jahrzehnten (1972) zählte sie 9 Sitze. Von den damaligen Stadträten leben heute nur noch der Sozialdemokrat Thilo Pohle und bei der CSU Traudl Reingruber sowie Kurt Held, von der FRV Karl Thürauf und vom Politischen Jugendforum Ingrid Pfundt. Doch das waren politisch ganz andere, bewegte Zeiten, als ein Rolf Oerter noch für die Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher (AUD) im Stadtrat saß.

Bei der sechsköpfigen CSU-Fraktion ist jetzt lediglich Martina Schlegl neu hinzugekommen, die beachtliche 3027 Stimmen für die Liste einbringen konnte. Spitzenreiter mit 3165 Stimmen – und damit auch ganz vorne im Gesamt-Stadtrat mit dabei – ist Dieter Kölle, der wohl auch in seiner Bürgermeister-Tätigkeit Pluspunkte sammeln konnte. Dr. Wolfgang Scheurer, Peter Wack, Silke Sagmeister-Eberlein und Klaus-Peter Schaumann bekamen außerdem für weitere sechs Jahre das Vertrauen der Wähler.

Einstiger Aderlass für die CSU: die UR

Dass die Christlich-Sozialen über drei Wahlen ihre Stärke behalten konnten, das ist durchaus ein Erfolg, vor allem, wenn man berücksichtigt, dass es 2008 zur Abspaltung ehemaliger Christsozialer (Thomas Schmid, Hermann Schönborn und Susanne Landgraf) gekommen war, die damals als Unabhängige Rothenburger (UR) wieder antraten, drei Sitze holten und nun schon zum zweitenmal seit 2014 mit vier Leuten ins Rathaus einziehen: Wolfgang Baumann und Ulrich Müller als UR-Neuzugänge, Susanne Landgraf und Fritz Sommer als „Altgediente“.

In Podiumsdiskussionen (hier im Januar beim Campus) gingen die drei ins Rennen: Martina Schlegl, Dr. Markus Naser (Mitte) und Harry Scheuenstuhl. Foto © rolf diba

Und bei den Freien Rothenburgern freut man sich nicht nur über den ersten Etappensieg des OB-Bewerbers Dr. Naser, sondern auch über die neuen Fraktionsmitglieder Hermann Uhl und Karin Bierstedt – neben den bisherigen Jutta Striffler (mit 3073 Stimmen ganz vorne dabei), Brigitte Klingler und Peter Holstein bei fünf FRV-Sitzen. Uhl, der früher schon einmal für die SPD im Stadtrat saß, erwies sich als Stimmenbringer (2592), die seiner alten Partei wohl zu einem weiteren Sitz gereicht hätte. Die Grünen konnten sich von drei auf vier Sitze steigern und bieten jetzt neben Stefan Stiegele gleich drei Neue auf: Gabi Müllender, Oliver Körber und Beate Junkersfeld.

Rothenburg ist längst nicht mehr so stark wie in früheren Zeiten auf Kreisebene vertreten und jetzt auch noch ohne einen SPD-Vertreter und vor allem ohne einen OB wie bislang Walter Hartl. Aber immerhin haben es Dr. Scheurer und Silke Sagmeister-Eberlein in den Kreistag für die CSU geschafft (gesamt 28 Sitze), Bürgermeister Johannes Schneider aus Adelshofen im Altlandkreis gehört ebenfalls wieder dazu und auch Gabi Müllender (Grüne) und Jürgen Schilling (ÖDP) sind  als Rothenburger im Kreistag vertreten. Mit Peter Schlegel aus Gattenhofen ist sogar ein Vertreter der Linken aus dem Altkreis dabei.

Wahlgeschichte und ein bewährtes Trio

Es bleibt weiter spannend, denn der Vorsprung von Dr. Markus Naser vor  Martina Schlegl läßt keine endgültigen Schlüsse zu. Außerdem gibt es das erstemal überhaupt eine reine Briefwahl. Da wird es darauf ankommen wie sich die Wähler nochmal mobilisieren lassen und wo die bisherigen Scheuenstuhl-Stimmen hinwandern. Die Sensation war 2006 perfekt, als es der kurzfristig aufgetauchte Verwaltungsfachmann Walter Hartl aus Heilbronn als Unabhängiger gegen Jochen Müssig (CSU und FRV) sowie Kurt Förster (SPD) in die Stichwahl gegen Müssig schaffte, die er dann mit fast 56 Prozent klar gewann.

Die Sozialdemokraten hatten damals ihre Niederlage (auf Kurt Förster entfielen 20,5 Prozent)  schweren Herzens weggesteckt und dann für Walter Hartl eine Wahlempfehlung gegeben. Daraus entwickelte sich schnell eine hervorragende Zusammenarbeit zwischen dem Oberbürgermeister und Kurt Förster als seinem Stellvertreter. Aber ebenso nach Irmgard Mittermeier (FRV) bis heute mit Dieter Kölle, CSU, als 2. Bürgermeister. Die Erfahrung der beiden OB-Stellvertreter könnten vielleicht auch der Nachfolger oder die Nachfolgerin gebrauchen, denn beide betreten Neuland und müssen sich besonders auf Verwaltung und Stadtrat verlassen können.

ROLF DIBA

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