Stadt und Kulturlandschaft in dramatischem Wandel – ein Essay als Streitschrift

Stadt und Kulturlandschaft in dramatischem Wandel – ein Essay als Streitschrift

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Buchautor Dr. Thomas Götz beim Gespräch in Rothenburg. Foto © Rolf Diba
ROTHENBURG – Wo kommt sie her, wie hat sie sich gewandelt und wie sieht ihre Zukunft aus: „Die bayerische Stadt vom 19. bis 21. Jahrhundert” heißt ein Sachbuch, das es in sich hat und bewußt als  Essay verfaßt wurde. Autor Dr. phil. Thomas Götz (Lehrstuhl für Europäische Geschichte an der Universität Regensburg) nutzt die Freiheit der Stilform, um Stellung zu beziehen, zu hinterfragen und anhand aufbereiteter Fakten Schlüsse zu ziehen, die vor allem Stadtplaner und Politiker aufrütteln sollten. Wir sprachen mit ihm darüber.

Rothenburg und die freien Reichsstädte nehmen in seinem Buch (im Pustet-Verlag Regensburg) einen gebührenden Platz ein. Und seine Hinweise auf globale Abhängigkeiten und fragliche Wirtschaftsmodelle erlangen in Corona-Zeiten höchste Aktualität, wobei Thomas Götz sicher ist: „Die Welt nach Corona wird auch und gerade in den Städten eine andere sein. Der dauerhafte Wohlstand – Tempi passati. Alte, kleine, identitätsverbürgende Städte könnten eigentlich jetzt ihr Resilienz-Potential ausspielen!”

Das moderne Bayern ist geprägt durch die Integration der vielfältigen fränkischen und schwäbischen Städtelandschaften. Geschichtliche Umwälzungen wie Industrialisierung und die Kriegszerstörungen wirken nach, Digitalisierung und globales Denken und Handeln verändern die Sozial- und Stadtgesellschaft, Heimat hat inzwischen einen multikulturellen Anstrich. Historisch gewachsene und bis in die Nachkriegszeit gerettete Städte- und Landschaftsbilder sind auch im Fränkischen schon längst verschwunden oder zumindest akut bedroht.

Überwiegend gelungener Wiederaufbau nach 1945: Blick auf die „neue Altstadt“. Foto © rolf diba

Der Autor blickt bis 200 Jahre zurück zu den bayerischen Städten mit ihren präzise geplanten und unverwechselbaren Konturen. Ein Planer wie  Camillo Sitte (1843 bis 1903) kommt ebenso ins Spiel wie der mit Rothenburg verbundene Städteplaner Theodor Fischer (Luitpoldschulhaus), der um 1900 Anliegen der Moderne mit Anliegen des Historismus verband. Dass Rothenburg nach dem Bombenangriff 1945 nicht Tabula rasa machte, sondern behutsam aufbaute, ist ein Glücksfall, und  die Wiederaufbau-Architektur sei heute „genuines Zeit-Zeugnis und als solches als denkmalwürdig zu sehen”, so Götz.

Die Identität der Festspielstädte

Die Anfänge der Fassadenkunst um 1900 ließen sich „in den Hochburgen der aufkommenden, Identität erfindenden Festspielstädte Rothenburg und Landshut beobachten“, stellt der Autor fest und meint: „ Im touristisch sich einfärbenden Blick verschwammen die Grenzen des Authentischen”.

Götz erinnert an den bayernweiten Versuch in den 50iger Jahren an Formen der alten Stadt anzuknüpfen. Dann aber habe man „Schneisen für die autogerechte Stadt  geschlagen“.  Erst Mitte der Siebziger versuchte man umzusteuern, doch es folgten Flächensanierungen, die vieles beseitigten, was noch substantiell vorhanden war. Es blieb vielfach ein „Durcheinander von Siedlung und Gewerbe ohne jede Gestaltungsvorschrift” übrig, konstatiert der Autor. Inzwischen habe eine derartige Beschleunigung  eingesetzt, „dass man es (bei den Entscheidungsträgern) einfach laufen läßt, um möglichst große Rendite herauszuschlagen”.

Rothenburg mal anders: Blick über die Neustadt östlich der Ringmauer, im Hintergrund verwachsen mit Neusitz vor der Frankenhöhe. Foto © rolf diba

Die 50iger und 60iger Jahre hätten das Gesicht der deutschen Stadt „mehr umgeformt, als alle Epochenbrüche zuvor”, sagt Götz und heute orientiere man sich an internationaler Moderne. So wolle man den Ingolstädter Bahnhof aus den fünfziger Jahren abreißen und eine Hochhaus-Dominante bauen. Das sprenge die Maßstäbe zur Altstadt wie es ähnlich auch in Kleinstädten geschehe. Wenn dann von Verdichten geredet werde, so sei dies „ein Etikettenschwindel“.

Man erlebe gerade  „die dritte Zerstörung der Stadt“, gebe vor, auf Menschlichkeit und Maßstäblichkeit zu achten, meine jedoch hinter „weltläufiger Moderne nicht zurückstehen zu dürfen”. Götz: „Architektonische Experimente ohne Maßstäblichkeit werden gerne verkauft unter dem Label der Weltläufigkeit und eines Vokabulars, das eigentlich schon ideologisch ist.“ Dies führe zu Shopping-Malls wie in Ingolstadt oder Wertheim-Village, wo Altstädte durch künstliche Einkaufswelten konterkariert werden.

Malerische Altstadt – hier mit einer seltenen Flachdach-Bausünde, die vor rund 120 Jahren beim Hotelbau zugelassen wurde. Foto © Rolf Diba
Wo bleibt da noch die bayerische Stadt, wenn Kultur in touristischer Folklore und Verkitschung verkommt, verknüpft mit auswechselbarer Allerweltsarchitektur? Götz realistisch: „Man muss einfach die allgemeine Dynamik sehen, die regionale Unterschiede außer Kraft setzt und in ganz Europa das urbanistische Erbe bedroht.” Da könne man leider „höchstens fallweise den Widerspruch gegen bestimmte Projekte artikulieren”, gegen Vorhaben, „die Maßstäbe sprengen und die letzten urbanen Reste abräumen”. Es gehe auch um die fehlende soziale Durchmischung in den Kernstädten.

Das Auge möchte Halt finden

Nach Camillo Sitte gelte es im gestalterischen Städtebau an das anzuknüpfen, was die Schönheit alter Städte ausmacht, nämlich geschlossene Straßen- und Platzräume, denn: „Das Auge möchte Halt finden und sich nicht im Nichts und Nirgendwo verlieren”. Heutzutage erfahre man „die Entheimatung durch anonyme Straßenräume”.  Das sei auch ein soziales Problem, denn in solchen Vierteln finde man eher Verwahrlosung, Vandalismus und Mißachtung.

Konflikte sieht Götz auf vielen Feldern, auch in der Klimapolitik beim „gedankenlosen Windradausbau”, Es sei fatal, wenn keine Rücksicht mehr auf ein Gesamtkunstwerk von Landschaft und alter Stadt (Beispiel  Rothenburger Umland) genommen werde. Dass auch die historischen Dorfkerne in einem Siedlungsbrei untergehen, ist  überall feststellbar.

Der Essay eignet sich als Standard-Werk für Kommunalpolitiker, Stadtplaner und Denkmalschützer wie für Soziologen und Historiker. Götz hat zugleich eine Streitschrift verfaßt, er zeichnet nicht nur die Verwandlung der Kulturlandschaften und Städte auf, sondern verdeutlicht, dass es fünf vor zwölf ist, will man ernsthaft das noch Verbliebene retten. Dazu müsse ein Umdenken in vielen stadtplanerischen Belangen einsetzen, eines bei dem Werte Vorrang vor reinen Renditeüberlegungen haben. Vielleicht trägt die Corona-Krise zum Nachdenken bei.

                               ROLF DIBA

Hören Sie hinein: Audio-Podcast zum Artikelthema im Gespräch mit Autor Dr. Thomas Götz. © rolf-diba-Produktion 2020.

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