„Zwischen den Welten gefangen“ – Der Eisenhut stellte Insolvenzantrag

„Zwischen den Welten gefangen“ – Der Eisenhut stellte Insolvenzantrag

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Der Eisenhut ist beidseitig in der Herrngasse mit insgesamt vier Häusern (links das Fachwerkhaus) vertreten. Foto © rolf diba
ROTHENBURG – Der Name ist für viele bis heute legendär: wer vom Hotel Eisenhut spricht verbindet dies gerne mit dem „ersten Haus am Platze”, auch wenn die Zeiten von Glanz und Gloria schon länger vorbei sind. Aber die Nachricht vom Insolvenzantrag in der Corona-Krise schreckt nicht nur die örtliche Hotelbranche auf. Geschäftsführer Jörg Schlag von der Arvena-Hotelgruppe, zu der das Haus gehört, betont, dieser Schritt sei schwergefallen, aber bei allen Emotionen gelte es rational zu handeln. Doch nicht erst die Virus-Pandemie hat manches Hotel und Gasthaus in der Touristenstadt in Nöte gebracht.

 

Ende April hat die Geschäftsleitung angesichs der kritischen Lage mit den ausbleibenden beziehungsweise stornierten Buchungen den Insolvenzantrag beim Amtsgericht eingereicht. Im Moment kann noch niemand sagen, was letztlich herauskommt, im günstigsten Fall könnte es auch die Weiterführung des Hotels sein. „Jetzt sind vor allem einmal die Lohnkosten gedeckt” betont Jörg Schlag. Immerhin sind rund 60 Mitarbeiter inklusive Teilzeitkräfte betroffen, denen durch den Insolvenzantrag vorerst Sicherheit für drei Monate geboten wird.

Die Kosten laufen davon

An den noch nicht ausbezahlten Hilfsgeldern des Staates in der Corona-Krise dürfte das vorläufige Hotel-Aus weniger gelegen haben,  denn die hätten den Insolvenzantrag wohl kaum verhindern können. Man habe eigentlich eine gute Auslastung für dieses Jahr erwartet, sagt Schlag, aber bei null Belegung liefen einem die Kosten schnell davon.

Dabei haben sich die letzten Jahre im Rothenburg-Tourismus hervorragend entwickelt – mit einem Rekord von über 560.000 Übernachtungen allein 2018. Aber nicht jedes Haus profitiert zwangsläufig davon, auch wenn die Auslastung von den zu niedrigen 50 auf zuletzt 60 Prozent gestiegen sei, erläutert Hotel- und Gaststättenverbands-Vorsitzende Marion Beugler.  Auch dieses Jahr wäre wohl sehr gut geworden, aber nun finden weder die Passionsspiele Oberammergau statt, von denen Rothenburg profitiert, noch örtliche Großereignisse wie das Taubertalfestival oder im Mai der TCM-Kongress. Versäumtes läßt sich nicht nachholen. Und, so Jörg Schlag, ein Hotelstandort in Rothenburgs Altstadt sei ohnehin schon durch  besondere Anforderungen belastet (Denkmalpflege, Busanfahrt).

Der Eisenhut in der Herrngasse mit seinen Patrizierhäusern. Foto © rolf diba

Der Eisenhut (Vier-Sterne-Kategorie, 78 Zimmer und Suiten) erlebte seine großen Erfolgszeiten in der Vor- und Nachkriegsära bis in die achtziger Jahre. Der Ursprung reicht zur Weinstube von Georg Andreas Eisenhut im Jahr 1890 zurück. Die Familie Pirner hatte das Hotel 116 Jahre im Besitz, ehe es Hans J. Pirner 2007 an  die Familie Schlag von der Arvena-Hotelgruppe veräußerte, als es schon ums Überleben ging. Das hatte man als Glücksfall gesehen, denn der neue Eigner investierte 2,5 Millionen Euro in einen modernen Tagungsanbau im Garten und wechselte u.a. die alten Röhrenfernseher gegen flache aus.

Unverwechselbares Ambiente

Dabei verband man Tradition und Moderne, denn das Hotel besteht aus gleich vier historischen Patizierhäusern in der Herrngasse in Marktplatznähe. Zusammen mit dem Hotel Goldener Hirsch (das es heute noch als Hotel-Garni gibt) und dem  nicht mehr existenten Hotel „Bären“ bildete man einst die Spitze der örtlichen Hotellerie. Der Eisenhut hatte dabei stets landesweite Aufmerksamkeit, was sich auch an seinem Gästebuch zeigt. Bei den Politikern reichen die Einträge von Adolf Hitler und Winston Churchill bis zu Theodor Heuss und Willi Brandt.

Unvergessen ist der Besuch des Schah von Persien mit Kaiserin Farah Diba im Jahr 1967, lang die Liste der berühmten Schauspieler von Heinz Rühmann und Curd Jürgends bis zu Gert Fröbe, ebenso Schriftsteller wie Erich Kästner oder Erich Maria Remarque, dazu viele Vertreter aus Hochadel und internationaler Politik.

 

Unverwechselbar: das historische Restaurant im Eisenhut. Foto © rolf diba

Zeiten und Ansprüche haben sich gewandelt. „Der Eisenhut ist zwischen den Welten gefangen”, sagt Geschäftsführer Jörg Schlag. Man hat das alte, traditionelle Haus behutsam auf aktuelle Standards gebracht. Mit den heute üblichen Wellnesshotels hat das freilich nichts zu tun, aber bislang behauptete sich der Eisenhut trotzdem ganz gut, denn viele ziehen solche nostalgischen Traditionshäuser den sich ähnelnden modernen, kühlen Tagungshotels vor.

Verkauf wäre nicht so einfach

Jörg und Steffanie Schlag hoffen, dass es noch eine Lösung für den Eisenhut gibt, aber dies wird sich erst im Insolvenzverfahren der nächsten Monate zeigen. Wenn sich ein geeigneter Käufer fände, wäre man wohl erleichtert, denn das Rothenburger Hotel war schon lange nicht einfach zu halten. Innerhalb der Arvena-Gruppe sind die vier übrigen Hotels in Nürnberg, Bayreuth und Windsheim noch relativ gut dran, wie Jörg Schlag sagt. Dort habe man die Corona-Zeit bis heute dank der Rücklagen gemeistert. Rothenburg  ist wie alle Schlag-Hotels als eigenständige GmbH & CoKG geführt.

HoGa-Vorsitzende Marion Beugler sieht in der Entwicklung ein Alarmzeichen – auch andere familiengeführte Häuser haben es nicht leicht, manche suchen schon länger verzweifelt Betriebsnachfolger. Ob in solchen Zeiten die Stadt mit ihren fast 3000 Gästebetten auch noch ein großes Tagungs- und Welnesshotel braucht, wie es vor dem Klingentor in Planung ist, wird zunehmend fraglich. Die Folgen der Corona-Krise zeigen sich erst noch. Vor allem wenn Kredite bedient werden müssen, obwohl die Einnahmen fehlen. Erst nächstes Frühjahr, so Marion Beugler, sehe man hier klarer.
 ROLF DIBA

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