Doku-Filmgruppe 75 Jahre nach Kriegsende: Aus Feinden wurden Freunde

Doku-Filmgruppe 75 Jahre nach Kriegsende: Aus Feinden wurden Freunde

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Thilo Pohle, Leiter der Dokumentarfilmgruppe mit US-Divisionskommandeur Steven M. Pierce. Foto © Rolf Diba

Rothenburg – Dass man „gemeinsam mit der US-Armee und nicht übereinander die Geschichte aufarbeitet” ist für Thilo Pohle und sein  Rothenburger Dokumentarfilmteam das Besondere am neuesten erfolgreichen Projekt. Der durch viele Zeitzeugen und historische Fakten geprägte einstündige Film zum Kriegsende im April 1945 wurde jetzt in englischer Fassung in der Ev. Tagungsstätte Wildbad vorgestellt und zwar in dem Saal, in dem damals Übergabeverhandlungen stattfanden.

In enger Zusammenarbeit mit den in Ansbach stationierten Amerikanern ist die neue Sprachfassung mit acht Mitwirkenden entstanden. So wie Lea Harvey als eine der Sprecherinnen, ging es auch anderen: „Vorher wußte ich nichts von dem Geschehen, aber der Film hat mir eine ganz neue Sicht auf die Kriegsereignisse gegeben”, sagte sie uns. Und Philson Tavernier, der ebenfalls Zeitzeugen seine Stimme gibt, sieht in dem Beitrag ein Plädoyer für Menschlichkeit, „ungeachtet von Rasse, Herkunft, Relgion oder Sprache”.

„Rothenburg zwischen Rettung und vollständigem Untergang“ lautet der Titel des bereits 2018 erstmals gezeigten deutschsprachigen Films. Es sei ein Zeichen gelebter deutsch-amerikanischer Freundschaft in schwierigen Zeiten, wurde in den Grußworten bei der Film-Präsentation am historischen Ort gesagt. Der Ansbacher Garnisons-Kommandeur Steven M. Pierce dankte dem Schülerfilmteam der Oskar-von-Miller-Realschule und sprach davon, dass gerade in Franken besonders gute Kontakte zwischen Deutschen und Armeeangehörigen  gepflegt werden.

Im Rokokosaal des Wildbades am 25. Juni 2020 bei der Filmpräsentation. Foto © rolf diba

In der von Lehrer Thilo Pohle 1982 begründeten Realschul-Filmgruppe hatte man mit dem Brettheimfilm begonnen, in dem es um die Todesurteile der SS gegen Dorfbewohner nach der Entwaffnung von Hitlerjungen ging, mit denen die Nazis noch den Krieg kurz vor Schluß gewinnen wollten. Dann kam später der Beitrag über die Bombardierung der Stadt durch US-Bomber Ostern 1945 und nun vollendet sich die Trilogie mit dem Film zur Kapitulation.

Der Hintergrund: rund 40 Prozent der Altstadt waren im April 1945 bereits durch den Luftangriff zerstört, als es in den letzten Kriegstagen am seidenen Faden hing, ob auch noch die restliche Altstadt durch Artillerie beschossen wird. Nach Recherchen der Filmgruppe gab es am 15. April in Wiesbaden ein Treffen der Armee-Gneräle  u.a. mit Patton, Devers und Bradley, bei dem der Vertreter des Kriegsministeriums John McCloy von einem geplanten Artillerieangriff erfuhr. Der aber kannte die Stadt und setzte sich für Übergabeverhandlungen ein.

Den Film in den USA zeigen

Tatsächlich tauchten am 16. April 1945 dann sechs US-Parlamentäre beim deutschen Kommandanten im Wildbad auf. Nur durch die schnelle Räumung der Stadt von Truppen und mutige Unterhändler gelang dann auch die kampflose Einnahme Rothenburgs. Der spätere Hochkommisar für Deutschland, John McCloy besuchte Jahre später die Tauberstadt und wurde als Retter gefeiert.

Günther Schuster, Präsident der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft Westmittelfranken, dolmetschte und begleitet die Filmgruppe, die schon seit 1987 mit Einrichtungen der US-Armee zusammenarbeitet. Für die Army-Angehörigen in Ansbach, Katterbach und Illesheim ist man schon durch die Brettheim-Film-Vorführungen ein Begriff. Dessen englische Fassung erlebte bereits vor 20 Jahren ein großartiges Echo.

Die als Pressetermin angesetzte und durch Corona-Vorschriften zahlenmäßig beschränkte Veranstaltung brachte fast alle Mitwirkenden und Unterstützer nochmal zusammen und nun hofft man vielleicht sogar den Film in den USA zeigen zu können. Kerstin Schmidt (Regie und seit 2004 aktiv)  sowie Marion Fresz (Recherche) waren stellvertretend für die vielen früheren Filmschülerinnen bei der  Präsentation im Wildbad dabei.

Thilo Pohle mit den Filmschülerinnen Kerstin Schmidt und Marion Fresz (von rechts) beim Interview mit AFN. Ganz links Günther Schuster. Präsident der deutsch-amerikanischen Gesellschaft. Foto © rolf diba

Eine „Freundschaft geprägt von gegenseitiger Wertschätzung” sei mit den Amerikanern entstanden, hob Pohle hervor. Im Film spreche zwar niemand das Wort Frieden aus, aber das sei deshalb nicht nötig, weil der Beitrag  eindrucksvoll zeige „wie Frieden aussehen kann.” Manche der amerikanischen Sprecherinnen seien bei den Schicksalen der deutschen Frauen so berührt gewesen, dass sie erstmal inne halten mußten. Die Filmgruppe unter Thilo Pohle hat in bald vier Jahrzehnten mit 180 Schülern über zehn Schulgenerationen hinweg 40 Filme an Schauplätzen der NS-Zeit gedreht, etliche mehrsprachig. Bei über 800 Veranstaltungen, durch das Goethe-Institut von Moskau bis San Francisco, seien rund 80.000 Menschen erreicht worden. Schwarze und weiße Soldaten zeigten, dass man auch im Krieg „hinter dem Feind den Menschen sehen kann“. Heute sei diese Botschaft angesichts weltweiter Kriege wichtiger denn je, hieß es.

Ohne diese ganzen Dokumentationen wären viele tragische und aufrüttelnde Lebensgeschichten aus der NS- und Kriegszeit nie an die Öffentlichkeit gekommen. Einige der im Film zu sehenden Augenzeugen sind inzwischen schon verstorben und neue gibt es altersbedingt kaum noch. Der Rothenburger Hitlerjunge Kurt Melzner, der mit weißer Fahne auf dem Schutzblech des deutschen Parlamentärfahrzeugs saß und im Film davon erzählt, ist ein Beispiel. Er konnte die Vorführung leider nicht mehr miterleben, denn er starb 89jährig erst vor wenigen Tagen.
Rolf Diba

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