Weltkulturerbe durch Wiederaufbau-Leistung?

Weltkulturerbe durch Wiederaufbau-Leistung?

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Die Judengasse bietet noch historische Substanz und vorbildliche Sanierung. Foto © Rolf Diba

ROTHENBURG – Viele Städte würden sich gerne mit dem Attribut Weltkulturerbe schmücken und einige versuchen es immer wieder ergebnislos. Dazu gehörte bisher Rothenburg schon 2011, aber jetzt bewirbt man sich erneut und setzt auf ein neues inhaltliches Konzept, das die Altstadt als „Synthese aus Mittelalter, Romantik und Wiederaufbau” präsentiert. Die Stadtoberen mit Dr. Markus Naser an der Spitze geben sich zuversichtlich, das dies fruchten könnte.

Im Stadtrat sprechen die einen von einem „einzigartigen Ansatz”, der funktionieren könnte, andere fragen nach möglichen Kosten und manche sehen in dem Titel ein Renomeé für die Stadt, das mit Geld gar nicht aufzuwiegen wäre. Schon 1997 hatte der damalige OB Herbert Hachtel einen ersten Versuch zur Bewerbung unternommen, aber der war eher zaghaft in einem Schriftwechsel beinhaltet. Ob nun alle guten Dinge drei sind, wird sich zeigen, denn auch diesmal gilt es zunächst auf die bayerische Bewerberliste zu kommen und darüber dann bundesweit als Kandidat zu landen.

Die Bayern hätten gerne den Nürnberger Justizpalast untergebracht und der ist bereits der erste von nur zwei zugelassenen Vorschlägen aus dem Freistaat. Nun setzen die Rothenburger auf ihre neue Argumentationsschrift und hoffen als zweiter Vorschlag aus Bayern durchzugehen. Stadtarchivar Dr. Huggenberger hat in einer A-4-Schrift auf rund 32 Seiten (plus Bildanhang mit Bauten und Plänen) verfaßt, womit Rothenburg punkten möchte. Schließlich wundern sich viele Besucher, dass dieses „Kleinod des Mittelalters” nicht längst Weltkulturerbe ist.

Blick von der Engelsburg auf das „fränkische Jerusalem“ – die Tal-Lage als großer Glücksfall. Foto © rolf diba

Der Titel wird seit 1978 an „einzigartige, authentische und unversehrte Städte von internationaler Bedeutung” verliehen. Und er bringt auch Verpflichtungen mit sich wie das Beispiel Dresdner Elbtal zeigt: erstmals wurde ein Welterbe-Titel wieder aberkannt und zwar wegen einer umstrittenen, neuen, modernen Talbrücke, die man ohne Rücksicht auf die Flußlandschaft mit ihren pittoresken Schlössern, Bauten und Gärten gebaut hatte.

Das Pittoreske spielt seit Jahren auch bei der Stadtvermarktung eine große Rolle und fließt in die Schrift mit ein. Dr. Jörg Christöphler (Leiter der Dienststelle Tourismus, Kunst und Kultur) hatte dazu sogar 2019 eine internationale Tagung veranstaltet und auf die Gartenstadteinflüsse in englischen Regionen hingewiesen. Gerade dabei wurde deutlich, wie sehr die noch vorhandene Altstadt von ihrer einmaligen unverbauten Tallage profitiert. Auch in der Bewerbungsschrift hebt man auf den Anblick von der Engelsburg auf das „fränkische Jerusalem” als Stadtsilhouette ab. „Malerisch“ und „märchenhaft“ sind neben „romantisch“ die gängigen Zuschreibungen.

Fundierte Betrachtung

Stadtarchivar Dr. Florian Huggenberger hat eine fundierte Betrachtung vorgelegt, in der Rothenburgs Einzigartigkeit schon seit dem 16. Jahrhundert „in seiner ästhetischen Zusammengehörigkeit von Stadt und einbettender Landschaft gesehen wird”, wie er betont.

Das freilich ist mehr als ein wunder Punkt, denn genau dieses landschaftliche Eingebettetsein nimmt in letzter Zeit stetig irreparablen, weithin sichtbaren Schaden. Selbst letzte Chancen auf Erhalt eines historischen Grüngürtels wie am Philosophenweg hat man kürzlich wegen vier Villenbauplätzen endgültig vertan. Umso mehr rettet die einseitige Tallage die alte Stadt, sonst wäre Rothenburg eher ein Touristenort unter vielen. Über 40 Prozent der Altstadt hat der US-Bombenangriff Ostern 1945 zerstört. Auch weitere Abrisse oder kritische Sanierungen folgten bis heute, so dass die wirklich noch vorhandene historische Substanz wesentlich geringer ist, als der optische Fassadeneindruck vermuten läßt.

Gelungener Wiederaufbau Galgengasse mit Weißem Turm. Foto © rolf diba

Hier aber kommt Rothenburgs Stärke durch einen an das historische Vorbild angepassten Wiederaufbau zum Tragen, so gelungen, dass auch schon Nachkriegsbauten unter Denkmalschutz fallen. Man spricht vom „Rothenburger Weg’. Strenge Auflagen und Satzungen zum Erhalt des Altstadtbildes verhindern bis heute zumindest dramatische Einschnitte wie sie z.B. durch Solardächer oder moderne Bauten oder Materialien drohen könnten.

Alle wissen um die Gefahren, genug wurde schon aufgeweicht an hehren Vorschriften. Man sieht die Altstadt als Ensemble mit großem historischen Kern im Einklang mit einem beispielhaft gelungenen Wiederaufbau. Mehr als 40 Türme und über 700 Gebäude auf der Denkmalliste sind gewichtige Argumente.

Neue Fußgängerzone Marktplatz: Sind Tourismus, Verkehr und alte Stadt wirklich im Einklang? Foto © rolf diba

Bemühungen um mehr Klimamanagement und Leerstandsbeseitigung sind in der Schrift ebenso als Hinweis enthalten wie die „Stadt der Vielfalt” in ihrer internationalen Ausrichtung. Die Bildungsstadt mit dem Campus und neue Gewerbegebiete sind im Kontext für eine gelungene Verbindung von Historie mit der Gegenwart erwähnt. Es gelte „in Kooperation mit Hochschulen das nominierte Welterbe zu vermitteln und zu erforschen“, heißt es.

Von Gefahren der Moderne bedroht

Dabei stellt Dr. Huggenberger in der Schrift (die einen Vortragsabend mit kritischer Diskussion wert wäre) fest, dass die Altstadt von vielen Gefahren der Moderne bedroht sei und hier Druck entstehe. Dass der Tourismus zu großen Konflikten führe, sieht er allerdings nicht. Bei der neuen Bebauung befänden sich die Industriegebiete „in ausreichendem Abstand” zur Altstadt, wo Abgase und Feinstaub durch eingeschränkten Verkehr begrenzt seien, wird festgestellt.

Im Oktober 2021 soll die Entscheidung fallen, ob man es überhaupt auf den zweiten Bewerberplatz in Bayern schafft, dann ginge es weiter auf Bundesebene, unter starker Konkurrenz. Immerhin hat es schon das Historische Festspiel „Der Meistertrunk” zum „immateriellen Kulturerbe der UNESCO“ gebracht. Es wird also noch etwas Wasser die Tauber hinabfließen, ehe man klarer sieht. Die Altstadt mit ihrem Umfeld zu bewahren bleibt aber in jedem Fall eine Daueraufgabe, an der sich manchesmal auch die Geister im Rathaus scheiden.

ROLF DIBA

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