„Bayern hat sich vom Kultur- zum Après-Ski-Staat entwickelt“

„Bayern hat sich vom Kultur- zum Après-Ski-Staat entwickelt“

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Vom Reiterlesmarkt sind nur ein paar Buden am Markt übriggeblieben. Foto © rolf diba

ROTHENBURG – An den Advents-Wochenenden sollte eigentlich Hochbetrieb in Rothenburgs Altstadt und dichtes Gedränge auf dem Reiterlesmarkt herrschen – aber statt zehntausende Besucher müssen  die vielen tourismusabhängigen Betriebe mit dem unerwarteten Ausfall der Vorweihnachts-Saison kämpfen. Die Staatsregierung hat mit der Marktabsage den ohnehin schon deutlichen Corona-Folgen  noch eins draufgesetzt, der Unmut ist groß. Aber man stellt sich auf die  Situation ein und macht das Beste daraus. Rothenburg setzt sich dazu als „die besuchenswerte Weihnachtsstadt”, die trotzdem viel zu bieten hat, in Szene.

„Für unsere Branche ist das eine wirtschaftliche Katastrophe”, kommentierte Jürgen Klatte, der Vorsitzende des örtlichen Hotel- und Gaststättenverbandes und spricht damit auch anderen aus der Seele. Betroffen sind ebenso der Einzelhandel und touristische sowie Kulturanbieter. Doch die Stadt lernt seit zwei Jahren mit Einschränkungen umzugehen – und mit Ungerechtigkeiten bei Vorschriften und der Verteilung staatlicher Hilfen. Das Tourismusamt versucht mit dem Flair der gezielt beworbenen „Weihnachtsstadt” Gäste anzulocken, die auch Ruhe zu schätzen wissen.

Lockdown durch die Hintertür

Betroffene sind „stocksauer” auf das Taktieren der Regierung und einzelne Maßnahmen. Vom „Lockdown durch die Hintertür” für Kulturbetriebe spricht Tourismuschef Dr. Jörg Christöphler. Dass ein geimpfter Besucher, der ins Museum will, sich vorher auch noch tesen lassen muß, empfindet man als schikanös. Die Regel gilt für alle Kultur- und Freizeiteinrichtungen und sogar für Gästeführungen im Freien, was natürlich keinen Sinn mehr macht. Das Rothenburg-Museum mußte deshalb bis Jahresende  schließen, weil die Eintrittsbarrieren zu hoch sind. Das mittelalterliche Kriminalmuseum versucht trotzdem noch durchzuhalten und bleibt geöffnet.

Bayern habe sich gerade „vom Kulturstaat zum Apres-Ski-Staat” gewandelt, stellt der Tourismuschef ironisch fest, denn in den Alpen wurde am 7. Dezember die gültige 2G-Plus-Regel für Ski-Gondeln wieder aufgehoben, was  wohl mit einer starken Wirtschafts-Lobby zu tun hat, die 2G durchsetzte. Die Rothenburger Gästeführer hatten nach ihrem Protest gegen die Plusregelung vom Landratsamt am 26. 11. sogar die 2-G-Regel im Freien genehmigt bekommen – was dann nach drei Tagen wieder untersagt wurde! Ziemlich viel Fragezeichen im Regel-Durcheinander.

Obere Schmiedgasse an einem Adventswochenende. Geschäfte und Gastronomie haben mit Auflagen geöffnet. Foto © rolf diba

Schon von Anfang an war die  Stadt zum Reiterlesmarkt mit Absperrungen und Einlaßkontrollen  auf 2 G vorbereitet, hatte in Glühweintassen (seit 2020 stapeln sich schon 30.000 Stück), Einlaßbändchen und die Organisation investiert. Auf dem Marktplatz, dem Grünen Markt und dem Kirchplatz standen bereits 47 Buden mit größerem Abstand und das Einräumen hatte schon begonnen. Manche Hotels und Gasthäuser meldeten volle Belegung. Der Einzelhandel hoffte nach anhaltend sinkenden Umsatzzahlen wieder auf einen Umsatzschub zum Jahresende. Dann die unverständliche kurzfristige Absage entgegen aller Beteuerungen.

Der Alt-Rothenburger Reiterlesmarkt bringt üblicherweise weit über 100.000 Gäste zusätzlich im Dezember in die Stadt (bei geschätzten 1,9 Millionen Besuchern pro Jahr).  Er zählt zu den ältesten und schönsten in Deutschland. Nun sind gerade mal fünf um das Rathaus verteilte Buden mit Leckereien und Geschenkartikeln übriggeblieben.

Gastronomie und Hotellerie – hier gilt wie im Handel 2 G – nutzen ihre Möglichkeiten ergänzend auf Terrassen, in Höfen oder direkt vor dem Haus auszuschenken und mit fränkischen Bratwürsten oder Kleinigkeiten zu bewirten. Am Kirchplatz verbreitet ein Kinderkarrussell vor geschlossenen Buden ein bisschen Stimmung. Die weihnachtlich geschmückten Häuser laden zum Bummel durch die Gassen ein. Einige befragte Gäste finden das gar nicht so schlimm, da sei Rothenburg umso beschaulicher, so drei Besucher aus dem Rheinland.

Sorge um den Fortbestand einzelner Betriebe

Wie effektiv das „Auffangen der wirtschaftlichen Einbußen” bei zahlreichen Betrieben durch staatliche Ausgleichszahlungen sein wird, weiß im Moment noch niemand zu sagen. Jürgen Klatte: „Das wird für viele existientiell!” Die Hotelbuchungen zur Weihnachtssaison seien reihenweise storniert worden: „Manch ausgebucht gewesene Häuser sind jetzt wieder fast leer!”

Für das international bekannte Rothenburger Familien-Unternehmen Käthe Wohlfahrt mit Weihnachts- und Geschenkartikeln, das die Insolvenz  vor einem Jahr durch einen Sanierungsplan abwenden konnte, zeigen sich jetzt die ausländischen Marktstandorte als Glücksfall. Die Absagen bei uns, so Harald Wohlfahrt, seien Beleg für eine verfehlte Politik, Söder habe den Mund voll genommen, aber es gäbe keine wirksame Unterstützung für den Handel. Wohlfahrt: „Dabei waren wir auf gutem Weg mit dem Tourismus, der jetzt angerichtete Schaden ist immens.” Das Ausland sei viel weiter und die dortigen Standorte liefen gut, aber das könne den Rückgang im Inland nur mindern, keineswegs ausgleichen.

Bis 2024 läuft noch das förmliche Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Der Restrukturierungsplan greift und Firmenchef Harald Wohlfahrt ist sehr zuversichtlich. Rund 250 fest angestellte Mitarbeiter  gehören zum Unternehmen, im Dezember wären es normalerweise weltweit bis zu 1500 saisonal Beschäftigte.

Das Polster für den Jahresbeginn fehlt

Von einer sehr schwierigen Lage  spricht Anett Utz, die eine Mode-Manufaktur mit eigener Textilproduktion im Zentrum betreibt. Sie hat außerdem die Gruppe „Handmade in Rothenburg” initiiert, der sieben Geschäfte angehören.  „Für uns ist das katastrophal, wir haben das Lager voll und müssen im Dezember die Rücklagen bilden für die ruhigen Monate Januar bis März” betont sie. Dabei hatte man im Sommer das Gefühl wieder auf die Spur zu kommen, denn die Umsätze in allen Branchen zogen an. Mehr inländische Gäste halfen beim Auffangen des zu 70 Prozent weggebrochenen Auslandsmarktes, vor allem aus Übersee.

Terassenbetrieb des Hotels Reichsküchenmeister unter 2-G-Regeln, ein Kinderkarussell am Kirchplatz. Foto © rolf diba

Hotelchefin Corinna Rother vom „Reichsküchenmeister“ hatte bei 55 Zimmern über 90 Prozent belegt und nach der Marktabsage blieben gerade noch 16 zum 2. Advents-Wochenende übrig. Unter der Woche geht das bis auf sechs Zimmer zurück. Auf Sylvester hat  man viele gebuchte Arrangements mit 6-Gang-Menüs, aber es muß um 22 Uhr geschlossen werden anstatt ins neue Jahr feiern zu können wie das mit Mitternachtsbüfetts üblich ist. Die Gäste in die leeren Gassen oder ins Bett zu schicken ist keine berauschende Alternative.

Ohne Kurzarbeit ginge es nicht

„Wir waren schon vorsichtig beim Wareneinkauf” unterstreicht Hannes Reingruber, dessen Familie ein traditionelles Altstadtgeschäft mit großem Sortiment betreibt: Drogerie- und Reformhaus-Artikel, Babyausstattung und eine  Fotoabteilung gehören dazu, Service wird großgeschrieben,  was ein Stammpublikum (viele aus dem Hohenlohischen) honoriert, doch ohne Touristen reicht es nicht. Kurzarbeit half mit der Umsatzhalbierung im Corona-Jahr zurechzukommen.  „Es fehlen uns die ausländischen Gäste”, stellt Reingruber fest. Hinzu kommt, dass  der Internethandel boomender Krisengewinner ist.

Der Rückgang von 560 000 im Jahr 2019 auf 238 000 Übernachtungen letztes und vermutlich auch dieses Jahr spricht für sich. Seit Juni gehört Rothenburg zu fünf bayerischen Modellstädten, die mithilfe staatlicher Planungsinstrumente von einem „Fitnessprogramm für starke Zentren“ profitieren sollen. Die Skepsis ist allerdings groß, ob man die Innenstädte wieder „zum Aufblühen” (so Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger) bringt. Oberbürgermeister Dr. Markus Naser sieht einen guten Ansatz und hofft vor allem auf Finanzhilfe. Am meisten aber, da sind sich alle einig, würde es nützen, bald wieder ein ganz normales Leben ohne Corona-Reglement führen zu können.
                                                               ROLF DIBA

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