Innenstädte sollen „aufblühen“ – Rothenburg als Modell für andere bayerische Orte

Innenstädte sollen „aufblühen“ – Rothenburg als Modell für andere bayerische Orte

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Das Herz der alten Stadt: Der Marktplatz.mit Rathaus, Geschäften und Gastronomie. Foto © rolf diba

ROTHENBURG – „Das Ladensterben, Leerstand oder Verödung in den Griff bekommen und zeigen wie die Innenstädte aufblühen können”, das sollen laut Staatsminister Aiwanger fünf bayerische Städte beispielhaft für andere Orte. Rothenburg ob der Tauber gehört zu diesen ausgesuchten corona-geplagten Modellstädten und erlebte kürzlich die medienwirksame Auftaktveranstaltung für einen langwierigen Prozess, der vielversprechend klingt. Ähnlich hoffnungsvoll gestartete Projekte, die dann jedoch wieder versandeten, hat es schon öfter gegeben.

Bei der Stadtverwaltung und den örtlichen Wirtschaftsverbänden war die Freude groß, als unter den 81 Städte-Bewerbern Rothenburg in das „Fitness-Programm für starke Zentren” (so wird es vom Ministerium propagiert) aufgenommen wurde. Im Juni hatte Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger die Teilnahmebescheinigung außerdem an Coburg, Beilngries, Schwandorf und Kempten ausgegeben. Bis zum Jahresende sollten „innovative und auf andere Städte übertragbare Maßnahmen zur Belebung und Funktionssicherung der Ortszentren entwickelt werden!” Über eine erste Bestandsaufnahme ist man aber noch nicht hinausgekommen.

„Wir haben den Fuß in der Tür und sind auf Münchner Ebene jetzt als Modellstadt präsent”, sagt Dr. Jörg Christöphler, der sich als Chef des Referats V um Tourismus, Kunst und Kultur kümmert und Ansprechpartner für das Projekt ist. Es sei wichtig politisch wahrgenommen zu werden. Die Zeiten, als Rothenburg unter einem Ministerpräsidenten Alfons Goppel als „die Empfangsstube Bayerns” gesehen wurde, sind vorbei und die Konkurrenz unter den Städten ist groß. Spätestens seit der  Ost-West Grenzöffnung ist es vorbei mit dem „touristischen Selbstläufer” und einer Alleinstellung.

Dass die Bayerische Staatsregierung die starken Zentren initiiert  und sich mit einem  Fach-Gremium einbringt, sorgt für einen fundierten Start.  Die BBE Handelsberatung GmbH, das Institut für Stadt- und Regionalmanagement (ISR) sowie der „Plankreis“ (Architektur- und Stadtplanung) haben bereits ihre Arbeit im Regierungsauftrag für die Anlaufphase weitgehend geleistet.
Eine der Tourismus- und Einkaufsgassen mit Straßenrestaurants in der Unteren Schmiedgasse. Foto © rolf diba

„Expertenforum” nannte man die Bestandsaufnahme: In der Reichsstadthalle kam auf Einladung der drei Büros ein 45köpfiger Kreis aus Vertretern örtlicher Institutionen, Verbände und Vereine zusammen. Darunter der Einzelhandel, der Hotel- und Gaststättenverband, die Gästeführer, die Tagungsstätte Wildbad, das Handelsgremium, die Hochschule Ansbach, das Festpiel, Sozialgremien und Verwaltungsfachleute mit OB Dr. Markus Naser.

Man informierte über Daten wie eine einzelhandelsrelevante Kaufkraft von 272 Millionen Euro jährlich und ein Einzugsgebiet mit 35.500 Einwohnern, wobei Württemberg einen wichtigen Anteil hat.­­ Die BBE ermittelte für die Altstadt 11.500 qm Verkaufsfläche, auf denen 42 Millionen Jahresumsatz erzielt werden, die überwiegend aus dem Tourismus stammen. BBE-Teamleiter Timm Jehne sieht ein Ziel darin, das Umland stärker anzusprechen und meint  „die Rothenburger sollen wieder Lust haben in der Innenstadt einzukaufen. Dafür muss das Angebot für Einheimische attraktiver sein und die Aufenthaltsqualität erhöht werden”.

Einwohnerzahlen steigen leicht

Aus der von der BBE vorgelegten Statistik: Die Bevölkerungszahl für das Mittelzentrum Rothenburg  ist von 2015 auf 2020 um 3,8 Prozent von 10.979 auf 11.391 Einwohner gestiegen (Landkreis Ansbach 2,9 Prozent). Rund 25 Prozent der Einwohner sind über 65 Jahre.  Es gibt 4449 Einpendler und 2313 Auspendler 2020 sowie 7110 sozialversichert Beschäftigte. Dramatisch ist der coronabedingte Rückgang bei den Übernachtungszahlen von 560.000 im Jahr 2019 über 238.303 letztes Jahr auf voraussichtlich um die 240.000 im Jahr 2021, wobei die Auslandsmärkte (vor allem Übersee) wegen Einreiseverboten und Reisewarnungen bis zu 70 Prozent weggebrochen sind, wie Dr. Jörg Christöphler feststellt. Grundsätzlich wird dem Innenstadt-Marktgebiet eine gute Versorgung attestiert: Einzelhandel 139 Läden, Dienstleistungen 70,  Gastronomie und Gästeunterkünfte 89 und Leerstände sind mit 37 beziffert, aber diese Zahl variiert stark.

Oberbürgermeister Dr. Naser sieht Rothenburg nach dem Rückgang des internationalen Reiseverkehrs beispielhaft für ähnliche Orte in Bayern  und erhofft sich praktische Ratschläge für die Altstadt-Stärkung, aber vor allem Finanzhilfe. Die bisherigen Erhebungskosten trägt schon mal der Staat.  Das Programm zur Zentrumsstärkung wird sich nur auf die Altstadt beziehen, die Gesamtstadt steht eher noch besser da.

Stärken und Schwächen

Aus der Forumsrunde wurden Stärken und Schwächen der Stadtstruktur genannt. Im Handel fehle Herrenoberbekleidung, Läden seien zu klein, die Mieten zu hoch. Die Aktion „Handmade in Rothenburg“ müsse man stärken. Bei Bildung und Kultur wird die „Flucht von akademischen Fachkräften” beklagt und dem verlorenen Goethe-Institut nachgetrauert. Mehr digitalisierte und mobile Arbeitsplätze sind erwünscht, der Hochschulcampus bietet zu wenig Präsenzunterricht.

Im Tourismus taucht der Uralt-Wunsch nach höherer Aufenthaltsdauer als nur 1,4 Tage auf, die Abhängigkeit vom Auslandsmarkt und das Image als „deutsches Disney” wurden kritisch angesprochen. Bei der Stadtentwicklung kritisierte man den unzureichenden öffentlichen Nahverkehr und das Verkehrskonzept.  Das Brauhausgelände kam als Studentenstandort ins Gespräch und aus der Schrannenscheune solle ein „Begegnungsort“ werden.
Das Rothenburg-Museum (früher Reichsstadtmuseum) könnte für neue Bildungszwecke geöffnet werden. Foto © rolf diba

Dr. Jörg Christöphler sorgt sich um das stark defizitäre Rothenburg-Museum, für dessen Leiter es vorerst keinen Nachfolger gibt. Er möchte die Einrichtung für Bildungszwecke öffnen. Ariane Koziollek vom Stadtmarketingverein setzt auf Existenzgründer aus Handel und Handwerk und sieht Rothenburg mit rund 140 Innenstadt-Geschäften noch in guter Ausgangslage. Für die Hotels und Gasthäuser bringt Verbandsvorsitzender Jürgen Klatte den Arbeitskräftemangel ins Spiel, außerdem benötigten junge Leute bezahlbaren Wohnraum. Man sei generell gut aufgestellt, müsse aber vieles noch stärker profilieren und junge Leute zum Hierbleiben bewegen, betonte Dr. Naser.

Im Grundsatz kaum Neues

BBE-Teamleiter Timm Jehne resümiert: „Die Teilnehmer wollen mit Kompetenz, Engagement, Zusammenarbeit und in Aufbruchstimmung zukunftsorientierte Themen vorantreiben”. Für März sei die Abschlußveranstaltung zur Einstiegsphase geplant, bis dahin sollen „Schlüsselprojekte“ definiert sein. Ob es danach zu weiteren Umsetzungsphasen kommt, das wird an der Stadt und der Regierung liegen, ansonsten endet der Beitrag der Fachbüros schon wieder. Wesentlich neue Erkenntnisse sind eher nicht zu erwarten, das belegen schon die ersten Papiere, auch wenn dabei Zahlen aktualisiert wurden.

Die Tauberstadt hat schon mehrmals ähnliche Ansätze erlebt. Das reicht zurück zur immer noch aussagekräftigen Städtebauförderung-Untersuchung ab 1979 über die 1989 breit aufgestellte Bürger-Initiative „Komitee 2000“, die Fachgutachten wie 2005 von der CIMA sowie Stadt-Image- und Tourismus-Studien bis zur Leitbild-Ausarbeitung. Schon 2012 hatte das Stadtmarketing alle Kräfte gebündelt und fachlich gut begleitet von einem Linzer Standortmanagement-Büro für anhaltende Aufbruchstimmung gesorgt. Das begann sogar vielversprechender als aktuell das Modellstadt-Projekt – und scheiterte dann an der praktischen Umsetzung bis auf wenige, bescheidene Ansätze.
ROLF DIBA

 

 

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