Die Altstadt als „Labor“ für Städtebau und Denkmalschutz sehen

Die Altstadt als „Labor“ für Städtebau und Denkmalschutz sehen

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Blick über die Altstadt. © rolf diba

ROTHENBURG – Die Tauberstadt will als Bildungsstandort mit Hochschulangeboten ein weiteres Standbein neben dem Tourismus etablieren. Für Professorin Christa Reicher vom Institut für Städtebau und europäische Urbanistik an der Technischen Hochschule Aachen ist Rothenburg „der gebaute Ausdruck einer atmosphärischen Moderne” und zwar als „eine Stadt, die städtebauliches Leitbild sein kann!”  Bei  Städtebau, Denkmalschutz, Klimaschutz und Landschaft wird die Stadt  als  „Real-Labor und Lernort” neu definiert.

Der Touristenort war 2021 als eine von fünf bayerischen Modellstädten ins „Fitnessprogramm Starke Zentren“  des Wirtschaftsministeriums  berufen worden. Das Ergebnis zahlreicher Analysen und Fachuntersuchungen im Rahmen des Programms sind Handlungsempfehlungen, die jetzt diskutiert werden.

Für Oberbürgermeister Dr. Markus Naser sind Studien- und Fortbildungsangebote ein erstrebenswertes Ziel, denn die Stadt erfahre damit neue Wertschätzung. Das Mitglied im Landesdenkmalrat: „Man denkt heute wieder darüber nach wie man ein Haus baut, das Jahrhunderte hält, aber das läßt sich schon immer in unserer Altstadt studieren”.  Jetzt fehle noch ein passender Studiengang dazu vor Ort. Prof. Dr. Joachim Vossen (Institut für Stadt- und Regionalmanagement München) fragt, ob Rothenburg nicht den Planern zum Thema „klimaneutrale Stadt“ ebenso wegweisende Erkenntnisse bieten könne.

Altes und neues Rothenburg, bereits bisher zentraler Schul- und Bildungsort (Flachbaut Staatliche Realschule, dahinter Toppler-Grundschule). Foto © rolf diba

Zum gut aufgestellten Schulstandort gehört seit Jahren eine Außenstelle der Fachhochschule Ansbach als Campus mit den Studiengängen „interkulturelles Management“ und „Digital-Marketing“ (als Mix online und vor Ort). Man hätte gerne mehr Präsenzunterricht. Aktuelle Kontakte zur Rheinisch-Westfälischen TH Aachen kommen hinzu. Der Gedanke einer Rothenburg-Akademie mit Schwerpunkt Stadtentwicklung ist bereits als Handlungsoption in den Empfehlungen enthalten.

Akzente mit „Pittoresk“ und Wiederaufbau

Für die „Bildungsstadt“ setzt sich Dr. Jörg Christöphler sehr engagiert ein. Als Leiter des Referats V ist er für Tourismus, Kunst und Kultur zuständig (mit Stadtarchiv, Bücherei und Musikschule). Das Rothenburg-Museum leitet er interimsmäßig bis die ausgeschriebene Stelle  dort neu besetzt ist. Mit der Tagung und Ausstellung zum „Rothenburger Weg“– wie der Wiederaufbau nach dem Bombenangriff von 1945 bezeichnet wird – hatte Christöphler  letztes Jahr  einen Akzent gesetzt.  Ebenso schon  2019 mit „Pittoresk: Rothenburg als Landschaftsgarten“, eine wissenschaftliche Tagung, die bis heute ein Echo findet. „Rothenburg hat sich viel zu sehr ausgeruht”, sagt er und fordert mehr Aufgeschlossenheit.

Dem Mittelzentrum mit seinen nur 11.300 Einwohnern wird in der Bestandsaufnahme eine sehr gute Infrastruktur bescheinigt, aber es bedürfe weiterer Profilierung. Rothenburg solle sich als überzeugende Marke etablieren. Man möchte das Stadtmarketing auf eine neue Grundlage stellen. Hier fehle noch eine „ganzheitliche Betrachtung”, meint Dr. Naser.

Projekte wie die Nutzung der  Schrannenscheune von 1588 als möglicher Regionalmarkt gehören zu den Vorschlägen. Der Einzelhandel macht Sorgen, Leerstände häufen sich. Dazu kommen Verkehrsprobleme im Zentrum und sogar einen Verlust der touristischen Bedeutung hält man für möglich. Der weltweite Tourismusmarkt verändert sich, aus Übersee-Ländern dürften künftig viel weniger Gäste kommen.

Museum neu ausrichten

Eine zentrale Rolle auf dem Weg zur Bildungsstadt soll das Rothenburg-Museum (früher Reichsstadtmuseum) spielen. Die kontroverse Debatte dazu hat gerade begonnen. Jörg Christöphler spricht von „einem angestaubten Heimatmuseum”. Das hat immerhin 2500 Ausstellungsstücke und  15.000 Objekte im Depot.

Stadtarchivar Dr. Florian Huggenberger hat einen stadtgeschichtlichen Museums-Rundgang von dreißig Minuten Länge ausgearbeitet.  Das soll mehr Leute ins Museum bringen, das bei 20.000 Besuchern (im Corona-Jahr nur 6500) ein großer Defizitbetrieb ist. Das bekanntere Mittelalterliche Kriminalmuseum zählt etwa 100.000 Besucher .

Die Klosterküche im ehemaligen Dominikanerinnenkloster. Foto © rolf diba

Denkmalschutz und Wiederaufbau, Mensch und Natur, dazu die Klassiker wie die Klosterküche, Frühgeschichte und die Sammlung Judaika gehören zum Rundgang. Zeitgeschichte und Gegenwart, vor allem der beispielhafte Wiederaufbau nach 1945 sowie die touristische Entdeckung Rothenburgs werden präsentiert. Der Rundgang könne ein Auftakt für Gäste zur weiteren Stadterkundung sein. Das im Kloster-Nordhof vorhandene saisonale Freilichttheater, eine Profibühne, solle auch künftig dort bleiben, sagt der Kulturchef.

Noch ungenutzte Bauflächen

Initiativen und Diskussionen ähnlich wie jetzt zur Modellstadt erlebte Rothenburg schon öfter, das meiste davon hinterließ keine Spuren. Nun werden viele kritische Fragen gestellt. Zum Beispiel, ob historische Plätze zugeparkt sein müssen? Oder ob man die Außenbestuhlung des Marktpatzes eher als Verschandelung oder Bereicherung des historischen Ensembles sieht?

Die ehemalige Reichsstadt hat auch dank ungenutzter Bauflächen noch Entwicklungs-Potential: Das Bahnhofsgebiet und ein früheres  Industrie-Gelände vor dem Rödertor gehören  ebenso dazu wie das alte Brauhausgelände am Talhang vor dem Klingentor. Um ein dort geplantes modernes Wellness-Hotel ist es allerdings sehr still geworden. Mit dem  neuen Anspruch, städtebauliches Beispiel zu sein, müßte künftig auf passende Architektur und Gestaltung auch außerhalb der Stadtmauer mehr geachtet werden.

Das Rothenburg-Museum (früher Reichsstadtmuseum) soll sich für Bildungszwecke mehr öffnen. Foto © rolf diba

Zur Museums-Neuausrichtung sind im Stadtrat unterschiedliche Meinungen zu hören. Die Stadt habe viel mehr Potential und man müsse Bisheriges ja nicht gleich „totreden” argumentiert  CSU-Fraktionsvorsitzender Dr. Scheurer. Auf Romantik statt Mittelalter zu setzen sei ein Fehler.  Der Oberbürgermeister unterstreicht, dass alles erstmal „Ideen und Gedankenspiele” sind. Auf einer Klausurtagung Ende September wollen sich Stadträte und Verwaltungsleute damit ausgiebig befassen.

Die angeregte „Fortbildungsakademie für Städtebau und Denkmalpflege” würde man am liebsten im ehemaligen Dominikanerinnenkloster  (heute Rothenburg-Museum) unterbringen.  Professorin Christa Reicher vom Aachener Städtebau-Institut könnte sich dort Seminare gut vorstellen. Die Studenten des „Lehrstuhls für Städtebau und Entwerfen“ wollen im Oktober  ihre ersten Ideen im Museum präsentieren, darunter sind „Gegenentwürfe zum Rothenburger Weg“ angekündigt.

Im „Fitnessprogramm Starke Zentren“, das den  Bildungssektor als neues Standbein hervorhebt, heißt es mahnend, Rothenburg dürfe weder im „Sanierungsstau noch in Selbstzufriedenheit verharren”.

 ROLF DIBA

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