Rothenburg – Hätte man es nicht schon 2024 wissen können, dass sich die Stadt eine teuere Bayerische Landesausstellung für 2028 nicht leisten kann? Die Frage stellte sich jetzt, nachdem der neu gewählte Oberbürgermeister mit großer Ratsmehrheit das schon planerisch weit fortgeschrittene Kulturvorhaben jetzt abgesagt hat, weil die Kosten aus dem Ruder liefen. Das große Projekt „Kinder im Mittelalter” wird es in Rothenburg nicht geben. Die Stadt hat Mühe ihren Haushalt genehmigen zu lassen.
Der neue SPD-Oberbürgermeister Christoph Rösch (seit Mai) ist mit einem der schwierigsten Themen in seine Amtszeit gestartet und gab mit der Ablehnung der Ausstellung sein öffentlichkeitswirksames Debüt im Stadtrat. Die klare Mehrheit, die sich im früheren Ratsgremium vor gut eineinhalb Jahren noch für das Projekt ausgesprochen hatte, ergab sich bei der kürzlichen Entscheidung mit 16 zu 6 Stimmen für die Ablehnung. Die Ratsmitglieder ließen sich von den neuesten Berechnungen überzeugen, bei denen das angenommene Defizit rund doppelt so hoch ausfällt wie ursprünglich gedacht.
Der Stadtrat habe gezeigt, dass er in der Lage sei eine so schwierige Entscheidung sehr überlegt und nach ausführlicher Diskussion zu treffen, betonte Rösch im Gespräch. Man habe in der Sache miteinander gerungen. Es sei „keinesfalls ein Abstieg in die touristische Drittklassigkeit“ wie Kritiker meinten und man befürchte auch keine Nachteile für die weitere Zusammenarbeit mit der Staatsregierung oder dem Haus der Bayerischen Geschichte.
Christoph Rösch bestätigt auf Anfrage, dass zunächst von 400.000 Euro Defizit die Rede war. Diese Annahme habe man aktuell nach genaueren Berechnungen auf „im günstigsten Fall 700.000 Euro und im ungünstigsten bis über 800.000 Euro” korrigieren müssen. Das Rechenexempel sah Szenarien vor, bei denen man 70.000 bis 120.000 Besucher ansetzte – was 224.000 bis 384.000 Euro an Eintrittsgeldern gebracht hätte, also eine deutliche Schwankungsbreite. Im schlimmsten Fall hätte sich das Defizit auf bis zu 861.000 Euro erhöht. Doch es gibt dazu andere Auffassungen, nach denen man das „gewollt schlechtgerechnet habe”. Namentlich halten sich die Kritiker aber damit lieber zurück, wohl wissend, dass hunderttausend Euro rauf oder runter nicht das Problem sind.

Er habe den Eindruck, dass die meisten Leute die Absage begrüßten sagt Christoph Rösch: „Sehr vernünftig oder genau richtig!” sei ihm gesagt worden, auch in vielen Zuschriften habe man sich positiv geäußert. Nach den ersten drei Monaten im Amt stellt der junge SPD-Oberbürgermeister dabei erfreut fest, dass im Stadtrat der Wille zur Zusammenarbeit trotz unterschiedlicher Meinung bei allen Fraktionen vorhanden sei.
Der Rothenburger Tourismus- und Kulturchef Jörg Christöphler kann sich über die Ratsentscheidung verständlicherweise gar nicht freuen, für ihn ist das persönlich nicht einfach. So möchte er, was die neueste negative Berechnung anbelangt, „auf keinen Fall Näheres dazu sagen“. Jörg Christöphler hatte im abgewählten OB Dr. Markus Naser (FRV) einen engagierten Befürworter der Landesausstellung und kaum jemand rechnete mit einem Wahlsieg des SPD-Bewerbers.
Auf Nachfrage sagt uns der Leiter der Dienststelle für Tourismus, Kunst und Kultur: „Ich habe in einer Landesausstellung stets mehr Chancen als Risiken gesehen. Ebenso wie in einer UNESCO-Bewerbung. Im Tourismus braucht es über alle Hindernisse hinweg einen langen Atem. Dass ich über die Vertragskündigung keine Freude verspüre, ist sicher verständlich, wenn man bedenkt, dass ich seit 2019 daran gearbeitet habe, eine Bayerische Landesausstellung nach Rothenburg zu holen.“ „Kinder im Mittelalter“ sei in diesen sieben Jahren das dritte Thema für Rothenburg gewesen. Das Kabinett und der Ministerpräsident hätten hier ein gewichtiges Wort mitgesprochen. Christöphler: „Ich betone aber ausdrücklich, dass ich die sehr engen Handlungsspielräume einer äußerst angespannten Haushaltslage verstehe.“
Nachteile befürchtet
Beim Hotel- und Gaststättenverband Rothenburg bedauert man die Absage und befürchtet Nachteile für die Stadt. Man hatte das Vorhaben als „bedeutenden Kulturbeitrag” von Anfang an unterstützt und sogar einen „nachhaltigen wirtschaftlichen Mehrwert für Rothenburg” gesehen. Im einzelnen, so Vorsitzender Markus Meinold, erhoffte man sich zusätzliche Übernachtungsggäste, eine längere Aufenthaltsdauer und eine Belebung der Nachsaison.Die Ausstellung hätte neue Besuchergruppen erschlossen, heißt es in einer Verbandserklärung. Auch der Handel und „das gesamte örtliche Gewerbe” sollte neben Hotellerie und Gastronomie davon profitieren, mit „bundesweiter medialer Bedeutung” habe man gerechnet. Meinold: „Sie hätte die historische Einzigartigkeit und touristische Attraktivität Rothenburgs einem neuen Publikum nähergebracht, die Stadt als Reiseziel nachhaltig positioniert”.

Nun ist von einer vertanen Chance die Rede, es gebe deshalb keine zusätzliche Kaufkraft und bildungsinteressierte Gäste. Mit anderen städtischen Veranstaltungen lasse sich das nicht ausgleichen. „Welche Auswirkungen die Absage auf das Image und die Wahrnehmung Rothenburgs haben wird, läßt sich noch nicht beurteilen”, meint der Vorsitzende. Es gebe jedoch einen „ständigen und konstruktiven Austausch” des Ortsverbandes mit dem Rothenburg Tourismus Service und man arbeite weiter „an der Stärkung des Tourismustandortes.“
Nach Groll Blick nach vorn
Der Stadtrat hat das Thema kontrovers stundenlang diskutiert. Am Ende blieben nur die FRV-Fraktion und ein CSU-Ratsmitglied als Ausstellungsbefürworter übrig. Nach anfänglichem Groll stimmt jetzt aber auch die Freie Rothenburger Vereinigung versöhnlichere Töne an: „Uns verbindet mehr als uns trennt, wir wollen Kultur in unserer Stadt weiterentwickeln!” Man habe trotz der finanziellen Risiken für die Ausstellung gestimmt, weil man nochmal über Einsparmöglichkeiten und Ausgestaltung reden wollte, um einen gangbaren Weg zu finden. Jetzt aber gehe „der Blick nach vorne” und auch ohne das Großereignis sei man optimistisch die Stadt mit neuen Ideen beleben zu können.
Schon einmal hatte Rothenburg eine Bayerische Landesausstellung beherbergt und zwar vom 23. Juni bis 12. September 1987 zum Thema „Reichsstädte in Franken” in der Reichsstadthalle. Die feierliche Eröffnung im Kaisersaal nahm damals der Bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß persönlich vor. Auf dem Programm standen neben dem Staatsempfang eine festliche Stadtratssitzung sowie eine Rede von Strauß auf dem Marktplatz. Als erstes aber gönnte sich der CSU-Politiker einen Rundgang durch die 1,5 Millionen Mark teuere Ausstellung die 1987 nur 25.000 Besucher zählte (ein Bruchteil der für 2028 erwarteten Zahlen).
Im Rathaus war Strauß voll des Lobes über die vom CSU-Oberbürgermeister Oskar Schubart regierte alte Reichsstadt, die er als ein „Juwel reichsstädtischer Herrlichkeit und altdeutscher Bürgerkultur” bezeichnete. Er sagte zu, sich persönlich bei der Stadterhaltung und dem Ausbau der Städtebauförderung durch Land und Bund einzusetzen. Und er hielt auf dem Marktplatz hinter schußsicherem Panzerglas eine politische Rede, die fast 40 Jahre später angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine überraschend aktuell wirkt: So warnte er vor einseitiger Abrüstung, denn dies könne „die andere Seite ermutigen, Kriege in Europa wieder für kalkulierbar zu halten.“
Die diesmal geplante Landesschau wäre allerdings ein viel größeres Ereignis gewesen und hätte weit mehr als das Spitalviertel umfaßt. „Ganz Rothenburg wird Landesausstellung!” hatte Bayerns Kunstminister Markus Blume Ende 2024 bei der Vorstellung im Rathaus geschwärmt, es solle „eine multimediale Zeitreise für die Familie“ werden, das Mittelalter lasse sich hier authentisch erleben. „Eine Zeltstadt und Buden mit Gastronomie und Laden waren vorgesehen, dazu Mitmachstationen.
Hört man sich unter der Bevölkerung um, so sind überwiegend positive Stimmen zur Absage zu hören. Vereinzelt wird kritisiert, weshalb man die Kosten nicht gleich realistischer kalkuliert habe. Jetzt sei es ein „peinlicher Rückzieher” kommentierte ein Rothenburger. Auch intern hatte es schon von Anfang an kritische Stimmen gegeben, z.B. die, dass es ein zu sehr populär touristisch ausgerichtetes Ereignis werden könnte.
Kein Stillstand

Die späte Absage der Stadt ging schnell landesweit durch die Medien. „Kein Geld für Kultur” ist ein Artikel betitelt; was natürlich sehr überspitzt ist. Da möchte man eher das Gegenteil beweisen und so listet Dr. Jörg Christöphler einige kulturelle Veranstaltungen auf, die bis 2030 geplant sind und keinesfalls ein Vakuum entstehen lassen. 2027 soll es um das Thema Wasserkraft mit den Mühlen und der Versorgung im Mittelalter gehen, im Juli ist eine Fachtagung dazu vorgesehen. 2028 stehen die mittelalterlichen Judengemeinden im Blickpunkt mit wissenschaftlicher Aufbereitung. Und für 2029 und 2030 soll die Reihe „Rothenburg als Landschaftsgarten” aus neuen Aspekten heraus betrachtet werden, wozu Kunstausstellungen gehören.
Es wird also niemand Stillstand im touristischen und kulturellen Angebot Rothenburgs befürchten müssen. Ohnehin sind längst alle Jahreszeiten mit zahlreichen Veranstaltungen bestückt und manchmal scheint es manchem Bürger zuviel des Guten, wenn der Rummel auf dem Marktplatz sich häuft und der Interessensausgleich zwischen Tourismus, Wirtschaft und Bevölkerung ein feinfühliges Auspendeln verlangt.


































