Auch mit 100 Jahren noch das Schnippelfräulein

Auch mit 100 Jahren noch das Schnippelfräulein

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Die hundertjährige Alice Staudacher blättert in der Wohnstube ihres Hauses im Scherenschnitt-Archiv. Foto © rolf diba

Rothenburg – „Jetzt fang ich langsam mit den Osterkarten an“, erzählt die über 100jährige­ Alice Staudacher-Voigt und legt eine Auswahl der kleinen Kunstwerke auf den Tisch. Im Wohnzimmer ihres Hauses in der Rothenburger Pürckhauerstraße hat sie schon einen der dicken Ordner aus dem Regal bereitgelegt, in dem fein säuberlich ihre kunstvollen Scherenschnitte aufbewahrt sind, denn in dieser Technik ist sie eine große Künstlerin. Das „Schnippelfräulein“ hatte sie ihr Mann (der viel zu früh verstorbene Autor und Lyriker Wilhelm Staudacher) einmal liebevoll genannt und ein Märchen dazu geschrieben, das gar keines bleiben sollte..

Ein wunderbarer Scherenschnitt von einem Prinzen, der seine Prinzessin findet, prägt den Titel des Märchen-Büchleins (1951 im Verlag Georg Fischer), ausgeschmückt mit fabelhaften Szenen, die Alice Voit aus schwarzem Papier geschnitten hat. Die antiquarische Rarität hütet sie wie einen Schatz: der 23jährige Wilhelm Staudacher hatte unter den neun Kurzgeschichten eine mit dem Titel „Das Schnippelfräulein“ seiner Angebeteten gewidmet – eine berührende literarische Liebeserklärung fast wie zu Goethes Zeiten, zu denen der Scherenschnitt Konjunktur hatte, viele Portraits großer Geister sind uns ausgeschnitten überliefert.

In der kleinen egerländischen Bergstadt ­Schlaggenwald (Sudetenland) ist Alice am 7. November 1922 zur Welt gekommen. Schon als Kind lernte sie den feinfühligen Umgang mit Papier und Schere von ihrem Vater, damit verbrachte man kreativ und gesellig die Abende zuhause. Dann mußte sie den frühen Tod des Vaters verschmerzen, dem sie dankbar ist, dass er ihre Passion für das seltene Kunsthandwerk geweckt hat.

Von der Eger an die Tauber

Das Schicksal wollte es, dass die junge Alice schon zu Kriegszeiten 1940 durch den Reichsarbeitsdienst nach Rothenburg kam. „Hier hab ich mich gleich wohlgefühlt, da erinnerte so vieles an die Heimat an der Eger“ erzählt die aufgeweckte und noch sehr rüstige Gastgeberin. Dann mußte sie aber wieder zurück nach Eger, wo sie aufgewachsen ist ­– nicht ahnend, welche Rolle ihr Tauberstadt-Aufenthalt später ­einmal spielen sollte.

Eine Auswahl der Werke von Alice Staudacher, darunter der legendäre Lebensfreude-Kalender. Rechts der Titel des Märchens, das ihr Wilhelm Staudacher als „Schnippelfräulein“ gewidmet hat. Foto © rolf diba

Man wußte schon bei Kriegsende, dass die Vertreibung für die Sudetendeutschen kommen wird, berichtet sie und beschloß im Mai 1945, nicht auf die Transporte zu warten, sondern mutig einfach nach Franken zu radeln, der Grenzübertritt klappte problemlos: „Mit dem Fahrrad und dem nötigsten Gepäck bin ich die 300 Kilometer dann direkt nach Rothenburg gefahren und durfte dort nur deshalb bleiben, weil ich schon früher in der Stadt registriert war“, freut sie sich noch heute über den Erfolg der Aktion. Die Mutter kam erst im September 1945 als Vertriebene nach und die beiden „residierten“ zeitweise in einem über 103 Treppenstufen zu erklimmenden kleinen Zimmerchen ganz oben auf dem Röderturm. Von dort aus genießen jetzt die Touristen den Ausblick auf die mittelalterliche Stadt. Zeitweise kam man auch im Staudtschen Patrizier-Haus in der Herrngasse unter und fand weiteren Anschluß.

Große Heimat-Treffen der Sudetendeutschen

Mit leuchtenden Augen erzählt sie uns wie das von ihr angeregte Treffen von zehntausend Vertriebenen aus dem Egerland 1949 in Rothenburg stattfand. Über die Sudetendeutsche Landsmannschaft hielt sie immer Kontakt, aber heute pflegen nur wenige der Jungen noch die Verbindung und das Kulturgut. Schließlich ergab sich eine Anstellung bei der Stadtverwaltung: „Da saß mir dann plötzlich mein zukünftiger Mann Wilhelm im Büro gegenüber“, lacht die Hundertjährige heute über den Beginn einer glücklichen Liebesbeziehung, die schon 1952 mit der Hochzeit gekrönt wurde.

Erfüllte Lebensjahrzehnte folgten – mit den Söhnen Frank und Wolfram sowie den geliebten Enkelkindern, denen der Großvater manches Gedicht gewidmet hat. Als zeitkritischer Autor hat Wilhelm Staudacher, der auch Stadtkämmerer war, die Mundartliteratur im deutschsprachigen Raum beeinflußt, das Internationale Dialektinstitut in Wien mitbegründet, das Libretto zu einer fränkischen Volksoper geschrieben und war nicht nur beim BR, sondern auch im SWR, im Bremer und im Basler Rundfunk mit Geschichten, Hörspielen und Gedichten zu hören. Mit ihren unglaublich filigranen Schnitten bereicherte Alice Staudacher-Voit aber nicht nur die Lyrikbände und Bücher ihres Mannes. Immer noch entstehen unter ihren Händen solche Arbeiten. „Nur die großen Scherenschnitte mache ich jetzt nicht mehr’, betont sie. Sie braucht keine aufwendigen Vorlagen, meist hat sie die Figuren schon im Kopf, wenn sie an ihrem Arbeitstisch zu Schere, Messer und Skalpellklinge greift. Inzwischen hat sie sich aber mehr auf das Basteln von kleinen Geschenkkärtchen verlegt.

Bis heute stellt Alice Staudacher noch Scherenschnitte her und bastelt kunstvolle Karten. Foto © rolf diba

In dem Siedlungshäuschen mit Garten unweit der Klingentorbastei sieht und spürt der Besucher, dass er sich in einem Künstlerhaus befindet. Viele Persönlichkeiten waren schon in dem gastfreundlichen Heim zu Gast! Genannt seien die literarischen Freunde wie Walter Alexander Bauer, Inge Meidinger-Geise, Skasa-Weiß, Engelbert Bach oder Josef Wittmann. Ebenso Fitzgerald Kusz oder Alfred Gulden und der Schriftsteller Hermann Kesten (PEN-Präsident, als Jude vor den Nazis geflüchtet). Nicht zu vergessen Horst Krüger.

In der Stadtregion gab es bis in die neunziger Jahre noch eine reiche Autorenszene, zu Freunden zählten für die Staudachers der Schriftsteller und Kritiker Bernd Doerdelmann, die Mundartliteratin Gertrud Schubart sowie der hohenlohische Mundartlyriker Gottlob Haag und aus Schwäbisch Hall der einzige aus diesem Kreis noch lebende Autor und Lyriker Walter Hampele, 94, mit dem die Rothenburgerin in Kontakt ist.

Netti Boleslav auf Lesereise begleitet

Netti Boleslav war 1975 auf ihrer u.a. nach Rothenburg führenden Lesereise von Alice begleitet worden. Sie zeigt uns stolz deren Briefzeilen: „Ich werde Sie niemals vergessen, wie haben Sie um mich gesorgt, wie angenehm mit Ihnen zu sein!” schrieb ihr dankbar die deutsch-jüdische Autorin. Im reich bestückten Bücherregal und in Schubladen finden sich, säuberlich geordnet, unzählige solcher Erinnerungen.

Da tauchen persönliche Briefe von Karl Krolow (einer der bedeutendsten deutschen Nachkriegs-Lyriker) auf. Der frühere Leiter des BR-Studios Nürnberg, Dr. Wolfgang Buhl, war dem Haus Staudacher und Rothenburg sehr verbunden – als großer Förderer der Kultur- und Literatur- sowie Mundartszene, die bei ihm einen festen Sendeplatz hatte. Vor allem sind es die dicken Ordner mit den in Klarsichtfolien sortierten DIN A 4 großen Scherenschnitten, die faszinieren. Bis aus Texas kamen deshalb sogar schon Besucher, in einem Geschäft am Milchmarkt wurden in der Nachkriegszeit die Scherenschnitte angeboten, was viele Amerikaner zu schätzen wußten. Ihre Postkarten-Kalender-Edition (im Korsch-Verlag München-Wien) erschien 27 Jahre lang bis in die Achtziger und ist inzwischen eine antiquarisch gefragte Rarität.

Ein Scherenschnitt wird zum Schmuckstück als Glasornament, das der Glaskünstler und Restaurator Harald Stephan verarbeitet hat. Foto © rolf diba

Der Laie bewundert wie man bis in feinste Details bei Blumensträußen und Bäumen, verzierte Ornamente, Landschaften, Menschen, Portraits und Figuren ganz locker in einem Schwung aus schwarzem Papier schneiden kann. Allein aus den Rothenburg-Motiven mit allen Türmen, Ecken und Winkeln ließe sich ein Kunstbuch gestalten und mindestens „der ganze Marktplatz auslegen“, wie ihr Mann einmal meinte. Eine Besonderheit sind ihre Scherenschnitt-Motive auf Fenster-Glasbildern, die der Rothenburger Glaskünstler Harald Stephan eingearbeitet hat. Aber auch auf Tassen und als Verzierung von gläsernen Kerzenständern sind sie zu finden.

„Ich weiß ja net, wie lang ich noch da bin, aber es soll halt alles gut geordnet sein,” sagt die Künstlerin. Vieles hat sie schon fürsorglich verteilt an die Söhne mit Familien, zu denen drei Enkel und zwei Urenkel gehören. Jedem neuen Tag begegnet Alice Staudacher-Voit mit Staunen, wie sie verrät und schmunzelnd hinzufügt: „Wenn ich dann früh wieder aufwache, sag ich mir: Mensch, du bist ja immer noch da!“ Ihre Leidenschaft begleitet weiter den Alltag der bescheidenen und sympathischen Scherenschnitt-Künstlerin, die mit ihren kunstvollen Ostergruß-Karten wieder vielen eine Freude machen möchte.

ROLF DIBA

Der Bayerische Rundfunk hat im März 2023 in der Frankenschau einen Filmbeitrag über Alice Staudacher gesendet, der in der BR-Mediathek noch bis März 2024 verfügbar ist. 

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