Die „kleine Geschichte einer großen Stadt“ bietet fundiertes Wissen bis zur Gegenwart

Die „kleine Geschichte einer großen Stadt“ bietet fundiertes Wissen bis zur Gegenwart

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Prof. Dr. Horst Rupp Foto © rolf diba

ROTHENBURG – Zu einer weltberühmten Touristenstadt gehören natürlich gedruckte Führer, Bildbände und bunte Prospekte. Meistens geht es dabei um die bekannten Sehenswürdigkeiten und das nötigste Wissen für eine Stadtbesichtigung zum Tagesaufenthalt. Jetzt aber ist ein 288seitiges Handbuch als Führer erschienen, der einiges an Mehrwert bietet und den Titel trägt: „Kleine Geschichte einer großen Stadt“. Autor Horst Rupp hat darin sachkundig und fundiert den weiten Zeitbogen von der Burggründung bis ins  heutige Rothenburg gespannt.

Es gibt spezielle Verlage, die regelmäßig mehr oder weniger gelungene bunte Städteführer herausbringen und ein Ort wie Rothenburg hat seinen Werbevorteil davon, weil er oft Zielobjekt ist. Was aber, wenn es manchen Besuchern und Interessierten um mehr geht als nur eine  oberflächliche Information für den Kurzbesuch? Das ist genau die Angebotslücke, die der Autor Prof. Dr. Horst F. Rupp gesehen und mit seinem geschickt am Markt platzierten Handbuch geschlossen hat.  Schließlich ist er zusammen mit dem früheren Stadtarchivar Karl Borchardt Herausgeber und Mitautor des 2015 erschienenen 720seitigen Buches zur Geschichte der Stadt und ihres Umlandes, das man als ein Standardwerk betrachten kann.

Als gebürtiger Rothenburger  ist  der emeritierte Professor  (Religionspädagogik an der Universität Würzburg) mit dem Gegenstand der Betrachtung bestens vertraut und kann bereits auf gut  fünfzig Bücher und Schriften in seiner Laufbahn zurückblicken. Sein Buch  zu dem Rothenburger Prediger Johannes Teuschlein (1485-1525) inklusive organisierter Tagung  sei als Beispiel vom letzten Jahr genannt. Über das Leben und Sterben der Juden in Creglingen, die  Opfer des NS-Terrors wurden, war schon 1999 eine aufsehenerregende Dokumentation von Hartwig Behr und Horst F. Rupp  erschienen. Dass er sich einem Stadtführer widmet, war bei der langen Liste wissenschaftlicher Arbeiten nicht unbedingt zu erwarten.

Ein örtlicher Buchhändler hatte Rupp den Hinweis gegeben, dass es an einer verständlichen Stadtgeschichte in kompakter Buchform fehle, die den Rothenburgern wie den Besuchern gleichermaßen taugt.  Akribisch wie es seine Art ist, stellte Horst Rupp die einzelnen Kapitel in vierzehn Themen zusammen, orientiert an der Zeitfolge und gelungen durch textlich markierte Einschübe unter den Stichworten „Architektur“ und „Akteure“ (für wichtige Personen) aufgelockert.

Prägende Fotos von Willi Pfitzinger

Der Band hebt sich klar ab von den üblichen touristischen Führern, wofür schon die ansprechende Aufmachung sorgt, im noch handlichen, aber doch gewichtigen Werk mit fotografischem Titel als Blickfang – es ist ein kleines Nachschlagewerk als Lese- und Bildband entstanden.  Was die Fotografie anbelangt, so steuert Willi Pfitzinger wie in einer Coproduktion seine perfekten und stimmungsvollen Fotografien bei, die gleich ins Auge stechen. Hinzu kommen etliche bildhaften Dokumente zur Historie. Man läßt sich unwillkürlich zum ersten Reinblättern verleiten und bleibt schnell an einem spannenden Kapitel oder Stichwort hängen.

Rothenburgs touristische Vermarktung ist vordergründig gerne auf Romantik und Märchenstadt ausgerichtet, was viele Amerikaner vollends im Walt-Disney-Stil wahrnehmen. Da ist es gut, einen gedruckten Stadtführer zu haben, der etwas gegensteuert und solide Geschichtskenntnisse aller Epochen in kompakter, lesbarer Form vermittelt.

Vielleicht läßt sich das Buch sogar als „Hybrid“ zwischen kleinem Ortsführer und  großem Geschichtswerk definieren, womit es sich  einen weit gefächerten Leserkreis erschließen dürfte. was zusätzlich eine englischsprachige Ausgabe nahelegen könnte.  Der Buchtitel ließe sich nebenbei bemerkt auch gedanklich umdrehen in: „Die große Geschichte einer kleinen Stadt“, die sie bei nur 11.600 Einwohnern ja ist. Allein das denkmalpflegerisch Bewahrte sowie nach 40prozentiger Kriegszerstörung wieder aufgebaute Stadtbild und die reiche  Geschichte machen den Ort zum Besuchermagneten.

Beim Lesestoff geht es nach prähistorischen Verweisen weiter über die  Stauferburg im 12. Jahrhundert zur Blütezeit im Hoch- und Spätmittelalter inklusive der Landhege unter Toppler und den Taubertalmühlen, hinein in die Religiosität und schließlich die Reformation und den Bauernkrieg. Ein Kapitel ist der einst bedeutenden jüdischen Gemeinde und ihrer Verfolgung gewidmet. Im siebten Kapitel geht es um den 30jährigen Krieg und schließlich um Rothenburg inmitten der Neuordnung Europas sowie einem Exkurs über den Hexenwahn.

Herausragend und geschichtlich bedeutend: Die Jakobskirche. Foto © rolf diba

Weitere Kapitel befassen sich mit dem 19. Jahrhundert, außerdem Rothenburg im Kaiserreich und der Weimarer Republik. Die Zeit des Nationalsozialismus erläutert Horst Rupp mit den wichtigsten Zusammenhängen, Auswüchsen und Personenverweisen. Die Nationalsozialisten schlachteten wie bekannt den Ruf der Stadt für ihre Propagandazwecke aus. Auf den letzten zwei Kapiteln beleuchtet der Autor die Stadtentwicklung nach 1945 bis zur Gegenwart und richtet den Fokus auch mit einigen Aspekten auf Kunst und Kultur, den Theaterbetrieb, die Folklore, den Medien- und Zeitungsstandort, die Bildungsstadt sowie auf die Kommunalpolitik. Sogar der Ende der siebziger Jahre gegründete Fränkisch-Hohenlohische Kulturkreis ist erwähnt.  Das moderne Rothenburg spielt nicht zuletzt als Gewerbe- und Industriestandort seine ungeahnte Rolle. Der Leser erfährt sogar wer nach dem Krieg alles die Stadt regierte bis hin zum OB-Wechsel zu Christoph Rösch im März 2026.

Ohne  „touristische Annäherung“ geht es freilich bei der Zielgruppe nicht, selbstverständlich fehlt kein Höhepunkt eines Standrundgangs und die Sehenswürdigkeiten lassen sich anhand einer ausklappbaren Karte leicht finden. Zum guten Schluß bekommt der Leser noch ein bisschen Schmunzellektüre, als die  Rothenburger Schneeballen angepriesen werden.

Für die Buchpräsentation im geladenen Kreis stellten  der Verein Alt-Rothenburg und die Kulturerbe-Initiative ihr vorbildlich saniertes 600 Jahre altes Haus Judengasse 10 zur Verfügung, in dem sich die einzigartige Mikwe befindet. Das drückte die Wertschätzung für Horst F. Rupps historische Arbeiten über die Heimatstadt aus. Das Buch lade sogar die Einheimischen dazu ein, die vertraute Stadt auf den lebendigen Spuren der Geschichte nochmal neu zu entdecken, hieß es anerkennend.

ROLF DIBA

„Rothenburg ob der Tauber – Kleine Geschichte einer großen Stadt“, von Horst Rupp, Ein Führer durch die Stadt und ihre Geschichte. 288 Seiten, Verlag Schneider Druck GmbH bei Rotabene! Taschenbuch-Format 13,5x21cm Softcover mit Ausklappkarte. ISBN: 978-3-944109-72-5. Preis 14,80 Euro.