Töpfer und Querdenker

Töpfer und Querdenker

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Willi Ströbel
Willi Ströbel

Das Töpfern war sein Leben und solange es seine Gesundheit noch erlaubte, verbrachte er die Tage in seiner Werkstatt, auch wenn er längst nicht mehr den Brennofen einheizte oder an der Drehscheibe saß. Eigentlich war er mehr Künstler als Handwerker, mit Leib und Seele in seine Arbeit vertieft – jede Vase, jede Tasse, jeder Teller, jede Schüssel ein Einzelstück unter seinen Händen mit Hingabe geformt, häufig auf der Unterseite mit Sinnsprüchen versehen. Den Ton suchte er genauso sorgsam aus wie er mit akribischer Genauigkeit auf eine gelungene Lasur achtete.

Eine sehr große Trauergemeinde hat am letzten Samstag in der Friedhofskapelle von Willi Ströbel schweren Herzens Abschied genommen. Er sollte sich von seiner hartnäckigen Erkrankung und den Schlaganfällen nicht mehr erholen. Am 5. September wäre er 69 Jahre alt geworden. Seine Frau Traudl und die Kinder und Enkel durften ihn bis zu den letzten Tagen in der Heidenheimer Klinik begleiten. Die Stadt ist wieder um eine ihrer Persönlichkeiten ärmer.

Töpfer Ströbel war kein lauter Mensch, der sich in Vereinen oder im öffentlichen Leben hervortat. Aber vielleicht gerade deshalb, weil man ihn als nachdenklichen Geist und Querdenker kannte, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hielt, war und ist er vielen Rothenburgern besonders gegenwärtig. Lebt eine so traditionsbeladene Stadt wie Rothenburg nicht besonders von solchen leisen, strebsamen und aufrichtigen Menschen? Ja, braucht sie nicht jene Sinnsucher, Künstler und schöpferisch wirkenden Elemente in besonderem Maße?

Willi Ströbel war immer auf der Suche nach tieferer geistiger Erkenntnis. Als Sproß einer Rothenburger Familie mit elf Kindern ist er in der Spitalgasse aufgewachsen, wo er 1951 die Lehre beim Töpfer Theo Harlander abschloß. Nach Gesellen und Wanderjahren absolvierte er 1957 die Meisterschule in Höhr-Grenzhausen.

„Schöne und qualitativ gute Keramik herzustellen“ (so seine Aussage) war sein Ziel, als er 1960 in einer alten Schmiede der Spitalgasse seine erste Töpferwerkstatt eröffnete. Über ein Intermezzo in der Klostergasse fand der Meister dann 1975 im alten Patrizierhof der Herrngasse 15 seine endgültige Bleibe. Schon der Weg durch den stillen, historischen Innenhof ließ die Besucher die lärmende Touristengasse vergessen und stimmte sie ein bißchen auf die Töpferwerkstätte ein, von der mancher wegen des Ambientes annahm, sie existiere dort schon Jahrhunderte.

Die Rothenburger wußten es, die Fremden lernten es: der Einkauf beim Töpfer Ströbel braucht viel Zeit! Zeit für Erläuterungen über die Entstehung der zum Kauf ausgewählten Vase oder Tasse, Zeit für den geistigen Disput und – so man sich darauf einließ – für philosophische Betrachtungen über das Leben. Willi Ströbel hatte schon früh den Weg zu Rudolf Steiners anthroposophischer Lehre gefunden – ein „Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zu dem Geistigen im Weltenall führen möchte“, wie Steiner selbst es ausdrückte. Und ganz in diesem Sinne strebte Willi Ströbel nicht nur nach einer Einheit von Spiritualität und Alltag, sondern er lebte sie auch, wo er konnte.

Politisch fand er eine Heimat in der Sozialdemokratie (wobei ihn die SPD jedoch zunehmend enttäuschte, weil sie ihre eigenen Ideale vernachlässigt). Trotz seiner Unnachgiebigkeit in der geistigen Grundauffassung nach Steiners Lehre, blieb Ströbel immer den Realitäten aufgeschlossen. Er mischte sich ein in Leserbriefen, auf Versammlungen und im Gespräch auf der Straße. Toleranz, Verständnis und tieferes Erkennen der Zusammenhänge lagen ihm am Herzen. Wer sich auf den Disput mit ihm einließ, der hatte einen Gewinn davon.

„Wenn du recht hast richte dich nicht nach den anderen!” lautet ein Spruch in seinem kleinen Aphorismen-Bändchen (siehe Zitate links), das er Freunden schenkte. Und so blieb Willi Ströbel, der auch Künstler und Philosoph war, sich selbst und seinen Erkenntnissen treu. In aller Bescheidenheit gehörte er zu den wenigen, die sich nicht verbiegen lassen.

Die aus seiner Hand stammenden Gefäße haben nichts mit „Stangenware“ gemein, sie sind individuelle Kunstwerke. Die Formen und Lasuren verleiten immer wieder zum Drüberstreichen, zum Betrachten. So wie seine „Bettflasche“, die breite Bauchvase, die nur eine einzige Blume oder einen Halm aufnimmt, zum Gegenstand meditativer Besinnung taugt, so erinnern die vielfach auf dem Boden in den Ton gravierten Sprüche des Meisters daran, dass auch unbelebte Dinge geistige Wirkung haben.

„Nur Liebe macht gegen Liebe immun“ hat er in eine Schüssel eingraviert. Immer gehören der Kreis, das Dreieck und das Rechteck dazu. Die Symbole für die Liebe, den Gedanken und das Gesetz. So wirkt der Geist Willi Ströbels auch durch seine kunstvolle Keramik fort.

ROLF DIBA

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